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Haiunfälle

 
Eine weitergehende Regulation des Haitourismus könnte auch das Wissen über Haie vermehren
 
Im letzten Jahr trafen sich in Südafrika erstmals Experten verschiedener Interessengruppen, um über Haitourismus und -unfälle zu diskutieren. Man war sich einig, dass der Tourismus reguliert werden muss und dass Haiunfälle nach einem standardisierten Protokoll untersucht werden sollten, um eine objektive Einschätzung der Gefahr zu erhalten. Der Autor - Zoologe und Haiforscher - fasst den Stand des Wissens zusammen.
 
Die meisten Menschen fürchten Haie und sind doch gleichzeitig fasziniert von ihnen. Das Interesse erreicht regelmässig Höhepunkte, wenn es um Haiunfälle oder die touristische Nutzung der Ressource Hai geht. Speziell Haifütterungen und die Frage, ob sie zu mehr Unfällen führen, sind heiss umstritten. In Südafrika etwa ist seit den neunziger Jahren um Kapstadt eine eigentliche «Weisser-Hai-Industrie» entstanden. Ganze Dörfer haben sich dem Haitourismus verschrieben und bringen Gäste zu den Weissen Haien, die sich alljährlich vor der Küste zur Robbenjagd versammeln. Die Haie werden mit Ködern an die Wasseroberfläche gelockt und können vom Boot oder aus einem Unterwasserkäfig heraus beobachtet werden. Parallel kommt es im Meer um Kapstadt jedes Jahr zu einigen Haiunfällen mit Wassersportlern. Nach jedem Unfall werden Stimmen laut, die einen Zusammenhang zwischen dem - angeblichen - Anstieg der Haiunfälle und dem Anlocken der Tiere mit Futter postulieren. Die Auseinandersetzungen waren in den vergangenen Jahren höchst emotional. Vor wenigen Monaten ist es nun erstmals gelungen, alle Interessenvertreter im Rahmen eines Workshops zu versammeln und die Diskussion zu versachlichen.[1]
 
Viele Unbekannte im Spiel
Sowohl die Zahl der Anbieter von Haifütterungen als auch jene der Personen, die Haien im Meer begegnen möchten, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen - und damit einhergehend auch der Druck, der auf den Tieren und ihrer Umwelt lastet. Wie Haie auf die tägliche Präsenz von Booten, Tauchern und Futter reagieren, ist unbekannt, ebenso, ob das Anlocken mit Fischresten und Ködern aller Art zu Verhaltensänderungen führt. Ein Verbot der touristischen Nutzung der Ressource Hai, wenn dabei Futter eingesetzt wird - wie es in Florida seit dem Jahr 2002 Realität ist -, wird von Experten abgelehnt. Es muss vor dem Hintergrund einer eigentlichen Haihysterie im Sommer 2001 gesehen werden, auf deren Höhepunkt das «Time Magazine» titelte: «The Summer of the Shark». Grund hierfür waren einige Haiunfälle in Florida, die spektakulär präsentiert und äusserst kontrovers diskutiert wurden. Das Verbot entsprang einem wissenschaftlich nicht begründeten Aktionismus, der davon ausging, dass Haie durch das Anfüttern lernen, Menschen mit Futter zu assoziieren, und dadurch gefährlicher werden. Statistisch betrachtet gab es im Jahr 2001 in Florida wie auch weltweit weniger Haiunfälle als im Jahr zuvor.
 
Tatsächlich sind heute viele Haiarten und -bestände durch die Fischerei stark bedroht. Mit ihrer touristischen Nutzung erhalten die Tiere einen ökonomischen Wert, der schnell grösser werden dürfte als der durch ihren Fang und Verkauf erzielte Gewinn. Daher war man sich beim Treffen in Südafrika einig, dass Verbote der falsche Weg, Regulationsmassnahmen aber nötig seien. So wurde gefordert, die Anzahl und die Qualität von Anbietern durch die Vergabe einer gewissen Zahl von Lizenzen zu kontrollieren. Diese sollten an Bedingungen geknüpft sein, die etwa die Sicherheit der Taucher gewährleisten oder den Umgang mit den Tieren festlegen. Zum Teil ist dies mancherorts bereits gegeben, es wäre aber weltweit wünschenswert. Darüber hinaus sollte die Weisser-Hai-Industrie von einer kompetenten staatlichen Stelle aus beaufsichtigt werden, die auch weitere Massnahmen implementieren kann. Ein Beispiel hierfür wäre die zwingende Nutzung der Touristenfahrten zur Datenerhebung, etwa in Form von Logbüchern, in denen Sichtungen festgehalten werden. Erst solche Daten würden es ermöglichen, die tatsächlichen Folgen des Haitourismus, etwa die Frage, ob Weisse Haie häufiger oder «aufdringlicher» werden, wissenschaftlich zu untersuchen. Ein weiterer Punkt war die Forderung nach festen Gebieten für das Käfigtauchen, um Vergleichsdaten zu erhalten.
 
Die Haiunfallstatistik
Erschwert wird die Diskussion um Haiunfälle und ihre Ursachen durch die relative Seltenheit dieser Ereignisse. So kam es laut dem am Florida Museum of Natural History geführten International Shark Attack File (ISAF) zwischen 1990 und 2005 zu jährlich durchschnittlich 54 nicht provozierten Haiunfällen. Sie sind definiert als eine Interaktion von Mensch und Hai, die im natürlichen Lebensraum des Hais stattfindet und bei der der Hai nicht vom Menschen provoziert wird. Dem gegenüber stehen provozierte Unfälle, die sich beim durch den Menschen initiierten physischen Kontakt zwischen Hai und Mensch zutragen, wie er etwa bei Fischern oder im Zusammenhang mit Haifütterungen vorkommt, oder die ausserhalb des natürlichen Lebensraums eines Hais stattfinden, etwa in einem Aquarium.
 
Für das Jahr 2005 listet das ISAF 105 Interaktionen auf; davon sind 58 als nicht provozierte und 47 als provozierte Unfälle klassifiziert. Bei 4 Zwischenfällen starb ein Mensch. Bis Ende Dezember 2006 waren 86 Interaktionen gemeldet worden, 9 davon mit tödlichem Ausgang. Für viele Unfälle fehlen allerdings genaue Informationen über den Ablauf, den Grad der Verletzungen oder deren genaue Ursache. Die Zahlen sind aus diesen Gründen mit Vorbehalt zu betrachten. Man kann aber davon ausgehen, dass es im Jahr 2006 zu ungefähr gleich vielen Unfällen gekommen ist wie in den vergangenen Jahren. Wichtig hierbei ist allerdings die Dunkelziffer. Die Zahlen des ISAF reflektieren nämlich lediglich die gemeldeten Haiunfälle. Viele Interaktionen mit Haien, die zu Verletzungen des Menschen führen, dürften aber nicht gemeldet bleiben. Dies besonders dann, wenn sie nicht tödlich sind und in abgelegenen Regionen passieren.
 
Eine wissenschaftlich fundierte Analyse der Ursachen von Haiunfällen lässt sich beim gegenwärtigen Wissensstand nicht durchführen. Für eine fundierte Statistik ist das Zahlenmaterial zu gering, Experimente mit Kontrollgruppen fehlen, und es gibt keine Möglichkeit, allfällige Hypothesen zu testen. Was bleibt, ist die Möglichkeit, beschreibende Statistik mit Haiunfällen zu betreiben. Zu welchen Tages- oder Nachtzeiten erfolgen Unfälle, und welche Haiarten sind involviert? Welche äusseren Variablen wie Wetter oder Strömungen können ermittelt werden? Hierbei hat sich gezeigt, dass beispielsweise bei Wetterbedingungen, die das Wasser aufwühlen und trüben, aber auch in natürlich trüben Gewässern, etwa in der Nähe von Flussmündungen, ein höheres Risiko für Haiunfälle besteht. Erklären lässt sich dies mit der Neugierde der Tiere, die im trüben Wasser nahe an den Menschen herankommen, um dieses unbekannte Objekt zu studieren.
 
In Bezug auf riskante Tageszeiten wiederum besagt eine ISAF-Statistik, für die 365 analysierte, nicht provozierte Unfälle aus den Jahren 1920 bis 2005 ausgewertet wurden, dass die meisten Unfälle zwischen 12 Uhr und 15 Uhr passieren - wenn nämlich die meisten Menschen im Wasser sind. Warum trotzdem immer wieder vor der Dämmerung gewarnt wird, ist unklar. So macht sich der Weisse Hai zwar tatsächlich laut Untersuchungen vor allem in den frühen Morgenstunden zwischen 7 Uhr 30 und 9 Uhr 30 auf die Jagd nach Seelöwen. Bullen- oder Tigerhaie - über deren Verhalten man im Vergleich zum Weissen Hai aber sehr viel weniger weiss - sind dagegen wohl eher sogenannte opportunistische Jäger, die nicht zu bestimmten Tageszeiten jagen, sondern fressen, wenn sich ihnen eine Beute bietet.
 
Blut, Aggression und Sinne
Haie werden oft als «Superräuber» dargestellt, die mit ihren überlegenen Sinnen stets auf der Suche nach Beute sind und auch vor dem Menschen nicht haltmachen. Doch Aggressivität ist ein Aspekt jedes tierischen Organismus. Sie steht in enger Beziehung zum Verhaltenskomplex «Angriff oder Flucht». Zu ihm gehörende Verhaltensweisen haben oft Signalwirkung und stellen etwa Warnungen dar. Verschiedene Situationen können sie auslösen: Schmerz, ein Objekt in Bewegung, das sich dem Tier zu sehr nähert, das Eindringen eines unbekannten Objekts oder Organismus in den gewohnten Lebensraum des Tiers, ein bekanntes Objekt in einem dem Tier ungewohnten Kontext oder auch hormonelle Prozesse. Diese Konstellationen können auch gemeinsam auftreten und die Wahrscheinlichkeit oder Intensität eines Angriffs beeinflussen. Das Tier kann Konflikte aber auch durch Flucht vermeiden.
 
Grundsätzlich sind Haie ganz normale Raubtiere, die an der Spitze vieler mariner Nahrungsketten stehen und für das Ökosystem Meer von grosser Bedeutung sind. Dank ihren hochentwickelten Sinnen sind sie optimal an ihren jeweiligen Lebensraum angepasst. Dabei nutzen sie je nach Umweltbedingungen und abhängig von der Art, zu der sie gehören, andere oder auch mehrere Sinne gleichzeitig, um ihre Umwelt wahrzunehmen, Beute und Artgenossen zu finden oder Feinde zu vermeiden. Die Entfernung, aus der die einzelnen Sinne eingesetzt werden, ist abhängig von der Qualität des Sinnessystems, der Stärke des Stimulus und den physikalischen Charakteristiken der Umgebung. So hängt etwa die Distanz, aus der ein Hai ein Objekt sehen kann, von den optischen Charakteristiken des Zielobjekts, der Stärke des Umgebungslichts und der Streuung und Absorption des Lichts durch das Wasser ab. Weisse Haie etwa sehen sehr gut - vermutlich sowohl unter als auch über Wasser. Tatsächlich zeigen sie bei der Jagd auf Robben und Seehunde das sogenannte «Spyhopping», bei dem der Hai seinen Kopf aus dem Wasser hält und nach Beute Ausschau hält. Nachts jagende Riffhaie hingegen verlassen sich eher auf andere Sinne.
 
Für die Leistungsfähigkeit des Geruchssinns eines Hais wiederum ist wichtig, ob eine Strömung vorhanden ist und aus welcher Richtung sie kommt. So haben Experimente gezeigt, dass Atlantische Zitronenhaie Thunfischextrakte in einer 25-Millionen-fachen Verdünnung wahrnehmen können. Schwarzspitzenhaie und Graue Riffhaie sind sogar in der Lage, Extrakte von Muskelfleisch in einer Verdünnung von 1:10 Milliarden zu erkennen, was ungefähr einem Tropfen in einem 2000 Kubikmeter fassenden Becken entspricht. Haie können auch Blut riechen. Ob sie aber davon angelockt werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Werden kiloweise Fischstücke als Köder ins Wasser geworfen, ist der Reiz sehr stark. Trotzdem dürfte Blut alleine oft nicht ausreichen - und menschliches Blut für die meisten Haiarten wohl nicht sehr attraktiv sein. Die biochemische Zusammensetzung von Säugerblut unterscheidet sich nämlich von derjenigen des Bluts von Fischen, der Hauptnahrungsquelle vieler Haiarten. Aber es gibt auch Arten, die regelmässig Säugetiere fressen, wie etwa der Weisse Hai, der Seelöwen jagt - und hier könnte die Situation anders aussehen. Publizierte und validierte Studien hierzu gibt es allerdings keine.
 
Hilfreiche Haiabwehrmittel?
In den vergangenen 50 Jahren war die Suche nach einem Haiabwehrmittel ein wichtiger Bestandteil der Haiverhaltensforschung. Die Motivation, die dieser Forschung zugrunde lag, war das Bemühen, Menschen vor Haien zu schützen. Keines der erprobten Mittel erreichte dieses Ziel aber zufriedenstellend. Viele wirkten nur bei bestimmten Haiarten oder wurden nur an einer kleinen Zahl von Arten getestet. Das grösste Potenzial wurde lange Zeit chemischen Substanzen wie etwa dem Kupferacetat zugesprochen, die sich aber entweder als wenig effektiv erwiesen oder so toxisch waren, dass sie einen Hai zwar in kurzer Zeit töteten, nicht aber die gewünschte Abschreckungsfunktion hatten. Nach mehreren erfolglosen Tests wurde die Suche nach einem chemischen Abwehrmittel schliesslich eingestellt.
 
Heute konzentriert sich die Forschung auf sogenannte semiochemische Stoffe. Diese werden von Pflanzen und Tieren produziert und lösen bei artgleichen oder auch artfremden Organismen physiologische oder Verhaltensreaktionen aus. Bis jetzt wurde eine Reihe dieser Substanzen erfolgreich an mehreren Haiarten getestet, darunter der Tiger- und der Karibische Riffhai. Geändert hat sich aber auch das Ziel der Forschung: Ein potentes Haiabwehrmittel könnte nicht nur zum Schutz des Menschen eingesetzt werden. Viel wichtiger wäre der Schutz des Hais. Eine Substanz, die spezifisch Haie abschreckt, könnte etwa von Langleinenfischern dazu benutzt werden, die Köder an den Millionen von Haken so zu präparieren, dass nicht Haie gefangen werden, sondern selektiv die Zielfische wie Thun- oder Schwertfisch. Erste Studien hierzu haben bereits erfolgversprechende Ergebnisse gezeigt.
 
* Der Autor ist Zoologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich.
[1] Finding a balance: White shark conservation and recreational safety in the inshore waters of Cape Town, South Africa. WWF South Africa Report Series - 2006/Marine/001.
 
 
Grosse Artenunterschiede
J. Br. Zu den rund 500 Arten in der Gruppe der Elasmobranchier, die Haie und Rochen umfasst, zählen so verschiedene Tiere wie der Weisse Hai, der Port-Jackson-Hai oder die Wobbegongs. In Unfälle mit Menschen, vor allem in solche mit schwerwiegenden Folgen, sind besonders häufig Weisse Haie, Tiger- und Bullenhaie involviert. Allerdings sind diese Arten nicht aggressiver als andere - es ist schlicht ihre Grösse, die den Menschen für sie zur potenziellen Beute werden lässt. Auch halten sich Bullen- und Tigerhaie - wie der Mensch - häufig in seichtem Wasser auf. Weisse Haie wiederum patrouillieren regelmässig an Küstenabschnitten, die von Surfern und anderen Wassersportlern genutzt werden. Tatsächlich kommt es auch immer wieder zu Unfällen mit weniger spektakulären Arten wie Atlantischen Ammenhaien oder Schwarzspitzenhaien. Auch sie kommen regelmässig mit Menschen in Kontakt. Definiert man einen Unfall grundsätzlich als physische Interaktion zwischen Hai und Mensch, geht sogar eine Mehrzahl der Unfälle auf das Konto dieser Arten. Diese Interaktionen werden aber nur selten in Datenbanken registriert, da sie kaum schwere Folgen haben.
 
Quelle: Neue Züricher Zeitung  Von Jürg Brunnschweiler