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Dr.Christiaan Barnard

 
Die Uhr im Operationssaal steht beharrlich auf zwei Minuten vor sechs Uhr. Genau um diese Zeit war vor 34 Jahren, am 3. Dezember 1967, im Kapstädter Groote-Schuur-Krankenhaus nach fünf Stunden eine Operation beendet worden, die Medizingeschichte machte. Drei Jahrzehnte später, am Mittwoch den 3.12.1997, eröffnet der damalige Chirurg Christiaan Barnard im originalgetreu wiederhergestellten Operations saal ein Museum zur Erinnerung an die erste Herzverpflanzung. In wenigen Tagen wurde Barnard damals zum wohl berühmtesten lebenden Arzt, der seinen Ruhm auch zu genießen und nutzen wusste.
 
Sein Nachfolger als Leiter der Herzverpflanzungseinheit, Johan Brink, hat knapp hundert der 427 Herzen verpflanzt, die in den dreißig Jahren in Kapstadt Herzkranken eingesetzt wurden. Er zählt die Operation zu den technisch „leichteren". Aufregend sei sie aber immer noch, schon wegen der bisweilen dramatischen Begleitumstände. Oft werde nachts oder am Wochenende operiert, wenn es wieder einen tödlichen Unfall gegeben habe und ein Herz zur Verfügung stehe. Unter den neun Ärzten und Mitarbeitern seines Teams sind zwei deutsche Assistenzärzte.
 
Viele der damals benutzten Instrumente sind jetzt wieder im alten Operationssaal zu sehen: Staatskrankenhäuser pflegen nicht mehr gebrauchtes Material nicht fortzugeben, sondern in Kellern zu verstauen. So stehen in dem Operationssaal und dem angrenzenden Raum, in dem der Organspender aufgebahrt wurde, noch alte amerikanische Herzlungenmaschinen und ein in München hergestelltes Elektrokardiograph. Von der sieben Meter hohen Saaldecke - sie ist so hoch, weil damals die Belüftungsmöglichkeiten weniger gut waren als heute - hängt eine übergroße Operationslampe herab. Der ursprüngliche Boden wurde wieder freigeschabt, die grünen Kacheln mussten neu gebrannt werden, weil jetzt keine mehr in der ursprünglichen Farbe hergestellt werden. Der Operationssaal im alten Hauptgebäude stammt aus dem Gründungsjahr des Hospitals, 1938. Er wurde von einem Architekten mit Sinn für Geschichte vor dem ursprünglich vom Krankenhaus angestrebten Umbau in Büros gerettet.
 
Um den Operationstisch herum stehen fünfzehn modellierte Ärzte und Schwestern; das ursprüngliche Team, das die Operation vorbereitete, war indes weit größer. Wichtig war vor allem der Pathologe, der wie andere aus dem ehemaligen Team zu der offiziellen Eröffnung (inoffiziell steht das Museum Schulkindern und Touristen seit knapp einem Jahr offen) eingeladen wurde. Die immunologische Abstoßungsreaktion des Körpers auf das neue Organ war meist ein größeres Problem als die Operation selber. An ihr scheiterten viele Eingriffe. Der erste Kapstädter Patient, der Geschäftsmann Louis Washkansky, überlebte nur achtzehn Tage, der zweite, der Zahnarzt Philip Blaiberg, immerhin achtzehn Monate, bis er an Arteriosklerose starb. Und unter den fast 50 000 Patienten in aller Welt, die bislang ein neues Herz erhielten, überlebte mit mehr als 23 Jahren ein Patient Barnards am längsten. Im Durchschnitt wird das Leben eines Patienten mit einem neuen Herzen um zehn Jahre verlängert.
 
Der Aufschwung in den Operationszahlen wie in der Überlebensdauer kam 1983 mit der Entdeckung des Cyclosporins in der Schweiz, eines Mittels, das die Immunabwehr unterdrückt. Das war kurz bevor der Münchner Bruno Reichart 1984 Nachfolger Barnards wurde. Reichart leitet jetzt das Großhadern-Klinikum, neben Berlin und Hannover eines der drei großen deutschen Herzzentren. Zuvor war die Zahl der Eingriffe stark zurückgegangen, wegen der, so Brink, anfangs „schrecklichen Ergebnisse": 1968 wurden 102 Herzen verpflanzt, 1969 neunzehn, 1970 nur noch drei oder vier. Auch hier war dem Team um Barnard 1975 ein Ausweg eingefallen, mit dem die Gefahr der Abstoßung des neuen Herzens durch den Körper eingedämmt wurde: Er pflanzte im „Huckepack-Verfahren" das neue neben dem alten kranken Herzen ein, statt es zu ersetzen. Das ungewöhnliche Verfahren war ein weiteres Zeichen für den hohen Stand der Schulmedizin in Südafrika und ein Beleg dafür, dass die Operationserfolge nicht Zufall waren.
 
Der Ruhm blieb dem Missionarssohn Christiaan Barnard, der ihn weidlich nutzte und Geschäftsmann, ja „Lebemann" wurde, als eine Arthritis der Hände ihn am Operieren hinderte; eifersüchtige Berufskollegen schalten ihn deswegen gelegentlich. Auch 30 Jahre später ist der stets jugendlich wirkende Barnard gut für Titelgeschichten in Familienzeitschriften, etwa, als er vor einigen Wochen gleichzeitig seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feierte und die Taufe seines sechsten Kindes aus der dritten Ehe. Er wurde der dritte Ehrenbürger Kapstadts, dem vor einigen Tagen als nunmehr sechster Nelson Mandela folgte; Mandela hatte Barnard, der jetzt Langusten züchtet und Novellen schreibt, während seiner Geburtstagsfeier angerufen und ihn einen der großen Söhne und Botschafter Südafrikas genannt. In einer Umfrage wurde kürzlich Barnard nach Mandela und dem Premierminister der Kriegsjahre Jan Smuts als der am meisten bewunderte Südafrikaner genannt. Der deutsche Verlag seiner vor drei Jahren erschienenen, als „flach und geschmacklos" kritisierten Erinnerungen pries ihn als den „berühmtesten Arzt unserer Zeit".
 
Sein Kapstädter Team konnte sich darauf berufen, dass es nicht nur eine neue Operationstechnik entwickelt hatte, sondern auch Mut zeigte angesichts chirurgischer, ethischer und rechtlicher Bedenken. Am Groote-Schuur-Krankenhaus mit dem historischen Namen „Große Scheune", dem führenden medizinischen Lehr- und Forschungszentrum Südafrikas, gab es auch andere Pioniertaten. In den fünfziger Jahren erforschte es erfolgreich Ernährungsstörungen. 1971 kam es in dem Hospital am Hang des Tafelberges zur vierten Herz-Lungen-Verpflanzung der Welt, kurz danach zur ersten Knochenmarktransplantation Südafrikas.
 
Das kann sich bald ändern. Johan Brink hält es für möglich, dass seine Herzverpflanzungseinheit, welche die südafrikanische Medizin berühmt gemacht hat, in zwei bis drei Monaten wegen Geldmangels geschlossen werden muss, falls das von der Gesundheitsministerin Nkosazana Zuma vor zwei Jahren versprochene Geld nicht bald zugeteilt werde. Der Machtwechsel in Pretoria hat zu einer neuen Gesundheitspolitik geführt, die auch von den Ärzten am „Groote Schuur" grundsätzlich gebilligt wird; sie legt den Schwerpunkt auf Vorsorge und ländliche Kliniken statt auf „Erste-Welt-Therapie", die nur wenigen zugute komme. Bestätigt wurde die Kehrtwende in einem Urteil des Verfassungsgerichts in Johannesburg Ende November: Auch ein sterbenskranker Patient habe trotz Verfassungsgarantie auf Zugang zur staatlichen Gesundheitsvorsorge nur im Rahmen staatlicher Finanzen Anspruch auf langwierige teure Versorgung.
 
Drastisch abnehmende Mittel für Hochleistungszentren wie das Groote-Schuur-Krankenhaus führen allerdings schon jetzt zum Abbröckeln der Versorgung. Akademische Krankenhäuser müssten sich, sagt die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, fortbewegen vom „archaischen Gedanken" einer Lehrstätte hin zu einem Selbstbild als Stätte umfassender Versorgung. Staatskrankenhäuser sind überfüllt trotz stark abnehmender Mitarbeiterzahl. Viele Ärzte und Krankenschwestern sind abgewandert, ihre Stellen dürfen vorerst nicht wieder besetzt werden. Vor einem Jahr gab es am Krankenhaus 36 Physiotherapeuten, bald sind es nur noch sechs. Ausländische Ärzte - von Deutschland erhofft sich Frau Zuma etwa 50 Ärzte, nachdem ihr Experiment mit kubanischen Ärzten wenig erfolgreich verlaufen war - dürfen nur nach Südafrika, wenn sie aufs Land gehen. Auch an Herzklappen, Hüftprothesen, ja selbst an Bluttransfusionen bei Notoperationen und an Infusionen muss gespart werden. Operationen, die nicht dringlich sind, können bis zu ein Jahr verschoben werden. Bislang aber scheitern bei einer Warteliste von regelmäßig zehn bis zwanzig Fällen die gar nicht besonders teuren Herzverpflanzungen in Kapstadt eher daran, dass Spenderherzen fehlen, als daran, dass Geld fehlt.