Kapstadt.com
 

Transkei

 
Südafrika einmal anders
Nach einer interessanten Reise durch die Welt der Strauße in Oudtshoorn, durch das europäisch geprägte Knysna und Plettenberg Bay und durch den Elefantennationalpark Addo fahren wir zu unserer letzten Station, nach Coffee Bay. Vor uns liegen ca. 600 Kilometer. Coffee Bay liegt schon an der Wild Cost, in der Nähe der Stadt Umtata, die von 1976 bis 1994 die Hauptstadt des Apartheid-Homelands Transkei war. Die Transkei ist dadurch bekannt, dass hier einer der führenden Anti-Apartheid-Kämpfer und der erste schwarze Präsident Südafrikas Nelson Mandela geboren wurde und aufwuchs. Wir fahren durch viele kleine Dörfer, bewundern die Natur und sammeln erste Eindrücke. Das Leben im Eastern Cape läuft im Gegensatz zu eher europäisch geprägten Städten und Städtchen Südafrikas ganz anders.
 
Die Natur, die Tiere, die Zugehörigkeit zum Dorf und zum Stamm spielen hier eine große Rolle. Die Dörfer bestehen aus selbst gemachten Hütten, die aus Erde, Dung und Gras gebaut werden. Wir können sehen wie viel Arbeit in diesen kleinen Bauten steckt und wie präzise die Bewohner bei jedem einzelnen Haus die Dächer aufbereiten. Die Dörfer sind voller Leben. Wir sehen viele Kinder, auf den Straßen und Feldern laufen Schafe, Kühe und Pferde. Die Menschen hier leben vereint mit der Natur. Wir fahren durch die Dörfer, wo die Menschen des Stammes Xhosa leben. Das, was wir in diesem Teil von Südafrika erleben, ist die andere Seite, ein großer Kontrast zu anderen eher europäisch geprägten Städten des Western Capes.
 
Hier herrscht Armut, die Menschen sind nur wenig gebildet, leben in ihrer ursprünglichen Lebensform, in ihrem ursprünglichen Lebensstil. Das ist unsere europäische und vielleicht auch ein wenig verwöhnte Perspektive. Diese Menschen, obwohl sie nicht viel haben, strahlen Zufriedenheit und Ausgeglichenheit aus. Nach ein paar Stunden Fahrt durch die Dörfer laufen wir durch einen kilometerlangen Sandstrand. Die Natur ist wunderschön, rein, die Menschen in ihrer Art sehr interessant. Wir beobachten Frauen beim Austern stechen. Ein paar Minuten später gehen an uns Frauen vorbei, die viel Gepäck auf dem Kopf tragen. Alles ist hier so natürlich, so selbstverständlich, so anders.
 
Am nächsten Tag ist es am frühen Morgen regnerisch. Wir sind im Dorf und besuchen die einheimischen Läden. In diesem Dorf gibt es drei Geschäfte. Eines davon war geschlossen. Der Juwelier hat sich entschlossen keinen Schmuck mehr herzustellen. Jetzt widmet er sich der Möbelanfertigung. Im ersten Geschäft kaufen wir Kaffee. Wie schon der Name des Ortes „Coffee Bay“ andeutet, muss der Kaffee hier ausgezeichnet sein. Das Dorf führt seinen Namen auf Kaffeesträucher zurück, die hier angeblich einmal wuchsen, nachdem Kaffeesäcke eines gestrandeten Schiffes ans Ufer getrieben wurden. Das zweite Geschäft ist ein Factory Shop, in dem T-Shirts bedruckt werden. Gleich nebenan betreibt ein Einheimischer ein Café und bietet Trommelkurse an. So probiere ich das Trommeln aus. Auf dem Rückweg halten wir an der Meeresküste an. Wir sitzen auf dem Boden, schauen aufs Meer und machen uns Gedanken, über die Welt, über ihre Verschiedenheit, über das Leben.  
 
Das Leben von Xsilas
Um zwei werden wir von Xsilas abgeholt. Xsilas ist ein Einheimischer, der im Dorf lebt. Er gehört zu den Menschen mit einem besonderen Status im Dorf, denn Xsilas absolvierte eine Ausbildung in der Tourismusbranche. Er spricht Englisch und zeigt interessierten Touristen sein Dorf. Zunächst bringt uns Xsilas ein paar Xhosa-Wörter bei. „Molweni“ heißt zum Beispiel „Guten Tag“. Wir laufen zunächst an einer Schule vorbei. Xsilas sagt uns, dass die Schule mit einem Stacheldraht umzäunt ist, weil sie jetzt dort auch Computer haben. Die Lehrer sind Einheimische und einige kommen aus den größeren Städten wie East London oder Umtata. Viele der Kinder in diesen Dörfern sind sehr intelligent, jedoch fehlen hier qualifizierte Lehrer, die sich um sie kümmern würden. Somit schaffen es nur wenige, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren.
 
Wir laufen weiter und kommen an einem Wasserhahn vorbei. Xsilas erzählt uns: „Das ist das Mandela Wasser“. Als Nelson Mandela 1994 an die Macht kam, ließ er solche Wasserstellen mit Trinkwasser für die Dorfbewohner einrichten. Auch jetzt noch, verspüren wir in Xsilas Worten eine große Dankbarkeit. Wir nähern uns dem Dorf und sehen viele Hütten. Die meisten sind grün. Xsilas erklärt uns, dass früher die Farbe einheitlich sein musste, als Zeichen der Zugehörigkeit zum Dorf. „Und außerdem war die Farbe grün die billigste“, verrät er uns ganz nebenbei. Heute sind die Regeln nicht mehr so streng, trotzdem sehen die Häuser ziemlich gleich aus. Xsilas lädt uns zu sich nach Hause ein und stellt uns seine Mutter vor, die gemeinsam mit seiner Schwester die Maiskolben aufbereitet.
 
Sie geben uns ein Zeichen, dass wir uns zu ihnen setzen sollen. Xsilas Mutter nimmt ein interessantes Instrument in die Hand und fängt an zu spielen. Wir erfahren, dass es Inkinga ist, ein traditionelles Instrument. Xsilas Mutter ist die Einzige im Dorf, die das Instrument noch besitzt und spielen kann. Dann führt uns Xsilas in das Haus seiner zwei Schwestern. Drin steht ein Bett, neben dem Bett liegen ein paar Tüten mit Kleidern. „So ein Haus zu bauen, dauert im Durchschnitt vier Monate“, erzählt Xsilas und zeigt auf das Haus gegenüber, das ihm gehört. In sein Haus lädt er uns aber nicht ein.
 
Dann gehen wir weiter in die Küche. Xsilas Schwester führt uns vor, wie Mais gemahlen wird. Daraus backen sie dann Brot. Ich soll es auch probieren. Ich stimme zu, nehme den Stein in die Hand und zerdrücke die kleinen Maiskugeln. Am Ende sagt Xsilas, dass ich auch bei ihnen überleben würde. Ich freue mich über seine Bemerkung, jedoch das Leben hier, läuft ganz anders, für eine Europäerin unvorstellbar. Wir verabschieden uns von Xsilas Familie. Die Sonne scheint, es ist warm. Wir verlassen das Dorf und laufen eine halbe Stunde lang ins Ungewisse. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts eine kleine Grashütte auf. Xsilas erklärt uns, dass nach der Xhosa-Tradition die Jungs im Alter von 18 Jahren beschnitten werden müssen. „Wenn du diesen Schmerz ertragen kannst, wirst du alles im Leben ertragen“, sagt Xsilas.
 
Für zwei Monate leben sie dann abgesperrt von ihrem Umfeld, allein in diesen Hütten. So wird der Junge nach dieser Tradition zum Mann. Die Beschneidungen sind in der westlichen Welt ein kontroverses Thema. Vor einigen Wochen verbreitete sich die Nachricht, dass wieder mehr als 30 junge Männer bei traditionellen Beschneidungsritualen im Eastern Cape gestorben sind. Nach den mit traditionellen Geräten und ohne Betäubung praktizierten Beschneidungen träten häufig Komplikationen, wie zum Beispiel starke Blutungen auf. Oft suchen die jungen Männer Krankenhäuser erst dann auf, wenn es bereits zu spät ist. Durch die traditionellen Beschneidungen, bei welchen die jungen Männer immer noch nicht ausreichend medizinisch versorgt werden, ist die Gefahr der Ansteckung mit dem HIV-Virus groß. Hier müssen Veränderungen passieren. Denn es geht ums Leben, es geht darum, das Leben der jungen Männer zu schützen. Unsere vorletzte Station sind die Sacred Pools. Vor uns öffnet sich eine kleine Oase. Dieser Platz, den die Xhosas Abakhwetha nennen, ist für sie heilig. Nach ihrer Tradition gibt es Menschen, die heilenden Kräfte besitzen, die so genannten Sangomas. In solchen Oasen werden sie getauft und offiziell zum Heiler genannt.
 
Hier beenden wir die bewegende Tour durch das Village. Xsilas führt uns noch in die Dorfkneipe. Wir sollten das einheimische, selbst gemachte Bier aus Mais, das Umqombothi kosten, das allerdings an diesem Tag ausverkauft war. Wir verabschieden uns von Xsilas und sind sehr dankbar für diese Erfahrung. Die Tour hat uns zum Nachdenken gebracht. Es ist sehr interessant, welche unterschiedlichen Traditionen es in der Welt gibt. Diese Tour hat uns geholfen, auch die andere Seite und die Vielfältigkeit von Südafrika zu entdecken und zu mindest ein wenig das Leben in der Transkei zu verstehen.
 
Am letzten Tag unseres Coffee bay Aufenthaltes haben wir uns entschlossen, eine Wanderung zum Hole-in-the-Wall zu machen. Hole-in-the-Wall ist ein kleines Naturwunder. Man sieht das Meer und wie aus dem Nichts wächst plötzlich aus dem Wasser ein Felsen mit einem Loch in der Mitte. Wir wandern drei Stunden, treffen einheimische Frauen, die Austern stechen und unter anderem treffen wir auch Xsilas Mutter, die uns mit einem strahlenden Lachen begrüßt. Hier kennt jeder jeden. Und wir gehören jetzt auch zum Dorf, auch wenn wir uns am nächsten Tag von der Transkei verabschieden und zurück nach Kapstadt fahren werden.
 
Eine Reportage von Mária Husárová
 
Bilder Andreas Laube