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Funke der Hoffnung

 
Hafen der V&A Waterfront: Es ist ein wunderschöner Abend. Die Außentemperaturen sind angenehm. Wir stehen auf der Terrasse eines Restaurants und genießen einen  tollen Ausblick auf die V&A Waterfront. Langsam füllt sich das Restaurant. Schöne Kleider, elegante Menschen, Musik, gutes Essen, tolle Atmosphäre. Die Party gefällt uns gut. Aber immer wieder tauchen auch andere Bilder vor unseren Augen auf…..An diesem Tag haben wir auch etwas anderes erlebt.
 
Es ist Samstag 09:00 Uhr. Gemeinsam mit Jaqueline und Andrea verlassen wir das Zentrum von Kapstadt, fahren am Township Khayelitsha vorbei bis wir die Arche erreichen.
 
Wenn man zum ersten Mal diesen Ort sieht, hat man das Gefühl, man ist in einem großen Lager angekommen. Dass hier Menschen leben können, kommt uns zunächst als unmöglich vor. Wir steigen aus dem Auto aus. Sofort kommt ein kleines Mädchen zu mir und umarmt mich. Wir sind in der Arche, einer offenen Einrichtung für Obdachlose. Und dieses Mädchen lebt hier.
 
Zunächst gehen wir in die Schule, die sich in einem ehemaligen Gefängnisgebäude befindet. Hier lernen Kinder der Arche. Eigentlich ist dies der wichtigste Ort, denn nur die Bildung kann den Armutskreislauf brechen. Nur wer es schafft, hier raus zu kommen, hat eine Chance auf ein normales Leben.
 
Im Jahr 2002 ist eine deutsche Lehrerin, Marlies Meures nach Kapstadt gekommen. Die heute 63-jährige besuchte die Arche und das Schicksal der dort lebenden Kinder ließ sie nicht mehr los. Mit kleinen Schritten startete sie ein Spendenprojekt, um die Kinder der Arche bei ihrer Bildung zu unterstützen. Mittlerweile blickt Marlies auf neun Jahre einer erfolgreichen Arbeit in der Arche zurück. Zunächst musste die Schule allein durch Spenden finanziert werden. Klassenausstattung, das monatliche Schulmaterial besorgte Marlies mit ihren Helfern von den Spendengeldern. 2007 bekam die Arche die Anerkennung als „Independant School“ und die damit verbundene staatliche finanzielle Unterstützung. Seitdem kann durch die Spendengelder höhere Ausbildung begabter Kinder gefördert werden.
 
„Ich bin glücklich, wenn ich sehe, dass manche von unseren Kindern mittlerweile an einer High School oder sogar Universität studieren können. Ein junges Mädchen hat vor kurzem sogar ein Praktikum in Deutschland absolviert“, berichtet Marlies.
Schulgeld, Uniform, Verbrauchsmaterial, Bücher, Transport zu den Schulen – das alles kann durch Spenden finanziert werden.
Zurück in der Arche. Mittlerweile haben sich mehrere Kinder in einer Klasse versammelt. Jaqueline und Andrea, die ehrenamtlichen Helferinnen des Projektes malen mit den Kindern und bereiten das Essen für sie vor. Während dessen treffen wir Mia-Carla, eine junge Frau, die als Lehrerin in der Arche arbeitet. Sie lebt hier, war selbst obdachlos und wie wir später erfahren auch drogenabhängig. Die Lehrer der Schule sind selbst ehemalige Obdachlose, leben in diesem Lager und verdienen mit ihrer Arbeit kein Geld. Mia-Carla führt uns in das Lehrerhaus. Es ist ein großer Raum, wo sich jeder sein Bett mit einer Schrankwand oder einem Tuch abgeteilt hat, um etwas Privatsphäre zu haben. Mia-Carla zeigt uns ihren Platz. Es sieht sehr ordentlich aus. Stolz präsentiert sie uns einen alten Computer, mit dem sie umzugehen lernt. Fünf Jahre lebt sie in der Arche. Ich wage nicht zu fragen, wie ihr Leben vorher ausgesehen hat. Sie wurde in die Arche aufgenommen, weil sie arbeiten wollte. Hier werden nur Menschen aufgenommen, die etwas machen möchten. So sind manche Lehrer, manche betreuen den Kindergarten, andere arbeiten in der Näherei oder in der Küche. Viele von diesen Menschen würden nie im wirklichen Leben, im Leben da draußen, klar kommen.
 
Wir gehen in den Teil, wo junge Frauen mit ihren Kindern leben. Wir dürfen uns einen Raum anschauen. Dort sehen wir ca. 20 Betten nebeneinander. Auf kleinen Regalen stehen Plüschtiere, an den Wänden hängen Poster aus Zeitschriften. Eine Mutter zieht gerade ihr Kind um, auf dem anderen Bett sitzt ein kleines schielendes Mädchen. Es gibt viele Frauen, die hier allein mit ihren Kindern leben. In den armen und ungebildeten Vierteln bedeutet die Frau nichts. Sie werden vergewaltigt, ausgenutzt, viele sind dadurch HIV positiv. Hier in der Arche sind die Sektionen für Männer und Frauen voneinander getrennt. So können sich diese Frauen ein wenig sicherer fühlen.
 
Mia-Carla zeigt uns noch die Jungendsektion, den Platz, wo junge Frauen ohne Kinder leben und das „Altersheim“ der Arche. Wir begegnen Jungs, die in einem Gesellschaftsraum Fernseh schauen, wir treffen eine Frau, die sich extra für ein Bild hübsch macht, wir sehen alte, kranke Frauen, die auf ihren Betten sitzen und stricken. Die Männersektion möchte uns Mia-Carla lieber nicht zeigen. Aus Angst? Wer weiss.
 
Wir kommen zurück in die Klasse. Mittlerweile sind dort echte Kunstwerke entstanden. Jaqueline und Andrea machen eine Abschlussrunde. Die Kinder bekommen Toilettenartikel und manche Geschenke zu ihrem Geburtstag. Sie stehen spontan auf, danken für alles, für die Sachen, die Zeit, die ihnen gewidmet wurde und vor allem fürs Essen.
 
Die Arche beherbergt etwa 1.200 Menschen. Männer, Frauen, jung und alt, alle leben hier. Manche mit einem Funken der Hoffnung, ein echtes Ziel in ihrem Leben zu haben.
 
Die Samstagsparty an der Waterfront war toll. Nur man darf die Augen vor der Realität nicht verschließen. Mehr als irgendwo anders auf der Welt treffen hier Luxus und Armut derart aufeinander. Die andere Seite von Südafrika, das Leben, das da draußen abläuft, darf nicht verschwiegen und vergessen werden!
 
Eine Reportage von Mária Husárová