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Das lachende Elend

 
Durch die Townships mit Siviwe Tours
Kurz vor zehn an der Ausfahrt der National Road 1. Längst sind die Villen, Bungalows und Gärten, die Kapstadts Vororte prägen, verschwunden. Abgelöst von endlosen Steppen verdörrtem Grases. Rechts der Gegenverkehr zurück nach Kapstadt, links eine Ansammlung  bunt zusammengeflickter, schiefer Wellblechschuppen, die mit der tristen Gegend eins zu sein  scheint: Die Township Langa. Kapstadts älteste Township, 1923 aus den Anfängen der Rassentrennung entstanden. Langa ist eine relativ kleine Township, benannt nach Langalibalele, einem Rebell, der gegen die Natal-Regierung kämpfte.
 
 
Der Abzweig nach Langa ist erreicht. Unser weißer Citi Golf, wie man ihn auf Kapstadts Straßen zu tausenden findet, rollt über eine Steinebene. Direkt auf einen rostigen Coca Cola-Container zu: Der Treffpunkt von Siviwe Tours. Menschen in zerlumpten Kleidern beobachtehn uns von der anderen Straßenseite aus, zwei Männer in Anzügen gehen an uns vorbei. Eine Gruppe von Frauen in weißen Kleidern, mit Holzkreuzen an einer Kette, kommen über die Ebene: Langas Krichenchor.
 
Kurz darauf steuert ein hochgewachsener, sportlich wirkender Mann in Jenas und Fußballtrikot auf uns zu: Siviwe Mbinda.
 
Der 28-jährige Touristenführer mit dem einladenen Lächeln ist in Langa aufgewachsen. In der Unterschicht, wie er uns später erzählt – in seiner Stimme klingt Stolz heraus, denn heute lebt Siviwe in der Mittelschicht.
 
„In der Mittelschicht?“
Siviwes heisere Stimme kratzt, doch er erzählt mit vollem Enthusiasmus: „Ja, die meisten Leute glauben, in einer Township leben nur arme Leute. Tatsächlich gibt es drei verschiedene Schichten: Die Unter-, Mittel- und Oberklasse. Die einzelnen Einkommensschichten sind in verschiedene Regionen aufgteilt. Khayelitsha zum Beispiel hat gleich 12 Bezirke.“
 
 
„Kapstadts kleiner Tafelberg“
Und Kayelitsha ist auch die erste Station auf unserer Tour. Die Township ist die jüngste, aber mit 1,5 Millionen Bewohnern die größte informelle Siedlung Kapstadts und die drittegrüßte in  Südafrika. Als 1950 der Group Areas Act erlassen wurde, begann man, Schwarze und die sogenannten Coloureds aus Kapstadt abzusiedeln. Die Behörden stampften die Sanddünen nieder und pflanzten die „neue Heimat“, wie Kayelitsha auf Xhosa heißt, auf einen unfruchtbaren, regelmäßig überfluteten Boden.
„Hier können wir parken.“ Siviwe lotst uns auf einen apshaltlierten Parkplatz, eine Bemühung der Regierung mit Seltenheitswert in Townships.Wir gehen durch ein spartanisch eingerichtetes Touristenzentrum am Fuß des Lookout Hills. „Khayelitshas kleiner Tafelberg“, wie Siviwe ihn nennt. Der Weg zur Aussichtsplattform verläuft über Holztreppen. Oben angekommen, haben wir einen gigantischen Ausblick auf Siedlungen kleiner Baracken, die sich mit Snadflächen abwechseln und weit hinten im Nebel verlieren.
 
„Und welche davon ist Khayelitsha?“
Wortlos grinsend, zieht Siviwe einen Kreis den Horizont entlang. Nach einiger Zeit deutet er mitten in das Gewirr. „Dort hinten bauen sie gerade ein Krankenhaus.“ Aber der Nebel nimmt uns die Sicht.
Es wird heißer und wir beginnen den Abstieg. Etwa bei der Hälfte der Treppen bleibt Siviwe stehen und zeigt auf eine Brachfläche mit eigenartigen Ausstülpungen. „Das sind Plastikhütten. Wenn Xhosa-Jungs 18 Jahre alt werden, verbringen sie ein Monat in Abgeschiedenheit. Sie sind von ihrer Familie getrennt, müssen allein für ihre Sicherheit sorgen, Nahrung beschaffen. Gerade sind Schulferien, das trifft sich gut.“
 
Siviwe ist ein Xhosa. Ob er das Ritual auch gemacht hat?
„Natürlich. Andernfalls hätte mich meine Familie nie als Mann anerkannt.“ Es geht weiter, in die „poor area“ von Khayelitsha: Die Gassen sind eng, nur mehrere Zentimeter zu beiden Seiten des Wagens. Das Leben spielt sich dazu auf der Straße ab: Kinder spielen Fußball, Händler versuchen, Organgen und Schafsköpfe anzubringen und rund um eine Wellblechhütte haben sich Menschen zu einer Trauerfeier zusammengefunden. Links und rechts ziehen sich die einstöckigen Baracken entlang, zuusammengewürfelt aus Blech, Holz und Pappe, zusammengehalten vom Willen Gottes. Oder der Götter? Siviwe erzählt uns, dass die meisten Bewohner Christen sind, ihr Glaube sich aber mit Naturreligion vermischt habe. Er selbst habe eine christliche Taufe genossen, zu Hause hätten seine Eltern dann aber eine Kuh geschlachtet, um sein Lebensglück zu besiegeln.
 
Die Fahrt geht weiter, als wir plötzlich alle gleichzeitig die Köpfe herum reißen: Der  leuchtende Fleck Gras auf der linken Seite wirkt zwischen den dunklen Baracken und der braunen Erde unwirklich. Jungs in bunten Uniformen tragen auf dem Plastikrasen ein Fußballmatch aus. Wir halten an und gehen näher. Neugierige Blicke lasten auf uns. Mit einem Mal laufen die Spieler schneller.
 
„Sie glauben wir sind Fußball-Scouts“, erklärt Siviwe und fügt mit einem Lachen hinzu: „Mein Fußball-T-Shirt und deine Hautfarbe.“ Das Feld gehört Grassroot Soccer, einer internationalen Organisation, die in Khayeltisha den Hype um den Fußball mit Bildungs- und Aufklärungskampagnen über Aids verknüpft. Nach einem Foul und einer gelben Karte gehen wir zurück zum Wagen. Wir waten durch Müll, zu unserer Rechten eine Frau, die Wäsche auf altem Draht aufhängt. Bröckelnde Baracken zu allen Seiten, davor ihre Bewohner. „Die Armut ist extrem.“ Siviwe nickt. „Aber schaut mal in ihre Gesichter.“Wir lassen unsere Blicke kreisen. „Sie lachen.“„Sie machen das Beste aus dem Elend.“
 
Die „neue Generation“ wächst heran.                                   
Wir machen uns auf den Rückweg nach Langa, Siviwes Heimat-Township. Auf dem Highway kommen wir über die Szene in Khayelitsha zu sprechen. „Sie mögen glücklich sein, aber in einer globalisierten Welt haben sie doch keine Zukunft.“„Ausgenommen Sie entwickeln sich weiter“, fügt Siviwe hinzu. „Tun Sie das etwa?“„Bruder, in den Townships wachsen derzeit Kinder auf, die wir als „neue Generation“ bezciehnen.“ Die „neue Generation“ sei gebildet, motiviert und zukunftsweisend. Auf ihrem Rücken ruhe die Verantwortung, die Townships nicht länger als Heimat des Elends zu verkaufen. Trotz der Probleme mit Alkohol, Drogen und Gewalt ein differenzierteres Bild zu erzeugen und das separierte Ghetto wieder in die Stadt zu integrieren. Siviwes Eltern können weder lesen noch schreiben, er selbst hat mit seinen 28 Jahren die „neue Generation“ gerade noch erwischt. Er wuchs in einem Township auf und lebt heute noch dort. Dennoch hat er lesen und schreiben gelernt, studierte Tourismus-Management und hat ambitionierte Pläne: Derzeit spart er auf ein Auto. In einigen Jahren will er zurück an die Universität, um Geschichte zu studieren. „Es sind die Ziele, die man sich ein oder zwei Jahre im Voraus steckt“, erzählt Siviwe. Und genau das lehrt er auch seinen Schülern. Denn nebenbei engagiert sich Siviwe noch in einem Projekt, in dem er 40 Kinder betreut. 
 
Internationale Medien gegen eine Township
„Seht ihr die Hütten dort?“, fragt Siviwe wenig später. Es ist das Township Guguleto, an dem wir soeben vorbeifahren. Er erzählt uns von dem englischen Paar, dass dort vor einem Jahr bei ihrer Hochzeitstreise überfallen und die Frau dabei ermordet wurde. Später stellte sich heraus, dass der Mann die Täter beauftragt hatte, um an das Geld seiner Frau heranzukommen. Nur wenige Tage nach unserer Township-Tour sollte CNN titeln, dass Shrien Dewan bereits zu Hause in Bristol sei. Auf Kaution freigekommen und wegen der posttraumatischen Störung erst einmal vom Verhör befreit. „Wegen dieser verdammten Aktion habe ich monatelang keine Touren mehr fahren können.“ Siviwe wirkt aufgebracht. „Die internationale Presse hat sich das Maul darüber zerrissen und jeder hatte auf einmal Schiss davor, eine Township zu betreten. Dass ihr Mann der eigentliche Mörder war, darüber gab es natürlich kaum Meldungen. Das hat den Ruf der Township ruiniert.“
 
 
Zwei kleine, dunkle Räume
Das Auto rollt an unserem Ausgangspunkt, dem Coca Cola-Container, vorbei und frisst sich  immer weiter durch die engen, verschklungenen Gassen, direkt in das Herz der Township. Wir lassen den Wagen stehen. Aus einer Hütte, nur minimal größer als die anderen, mit einem Coca Cola-Blechschild an der Wand, dringt Reaggie-Musik. „Eine Bar“, lässt Siviwe unseren verwunderten Blicken Worte folgen. Einige Meter weiter, an einem Brunnen, wäscht gut ein Dutzend Frauen mit ihren Kindern die Wäsche. „Das sind Plätze, die zusammenschweißen, sie fördern das soziale Leben.“ Langa ist die älteste, aber gleichzeitig eine der kleinsten Townships. Der Platz ist begrenzt, die Eindrücke folgen Schlag auf Schlag.
 
Gleich darauf winkt uns ein hagerer Mann mit Mütze an sich heran. „Ein Jugendfreund“, stellt ihn Siviwe vor. Er fragt ihn nach ein wenig Geld und eine Handvoll Rand wechselt den Besitzer. Dafür lädt uns der Mann in seine Hütte ein. Wir betreten einen kleinen, dunklen Raum. Links ein Regal mit dem Allernötigsten: Salz, Brot, ein Kanister Wasser, rechts ein Doppelbett.
 
„Darin schlafen seine Kinder“, sagt Siviwe und deutet dabei auf ein Hanna Montanna-Poster über dem Bett. Wie viele Kinder sich die abgewetzte Matratze teilen, darüber schweigt er. Der nächste von zwei Räumen ist nicht viel größer. Ein zweites Doppelbett für die Eltern ist in den schwachen Schein einer nackten Glühbirne gehüllt. Weil der Raum keine Fenster hat, brennt die Glühbirne den ganzen Tag – „um ihn wenigstens ein bisschen gemütlicher zu  machen“, erzählt Siviwe. Die Stromrechnung kümmert hier niemanden. Durch den Großteil der Zuleitungen fließt illegal gezapfter Strom.
 
Siviwes Jugendfreund kommt zurück, in seiner Hand ein Messer und eine Orange. „Ich muss zu meinem täglichen Vitamin C kommen“, erzählt er uns und reicht jedem von uns ein Stück von der Orange.
 
Handy vergessen
Bald verabschieden wir uns und kehren zurück zum Auto. Siviwe klopft mir auf die Schulter und deutet auf den Rücksitz: Ich habe mein Handy vergessen, achtlos liegen gelassen. Offen sichtbar und vollkommen verlassen lag es länger als eine halbe Stunde allein da: Frevel in Südafrika, für jeden Minderverdiener eine nicht laut ausgesprochene Einladung. Ein zweites Mal spüre ich Siviwes Hand auf meiner Schulter. „Mach dir keine Sorgen. Hier in der Township ist das kein Problem. Aber draußen in Kapstadt solltest du damit schon vorsichtig sein...“
 
Der neuen Generation die Hand reichen 
Nach drei Stunden verabschieden wir uns von Siviwe. Ob ich Werbung für sein Unternehmen machen könne, fragt er mich und fügt hinzu: „In den Townships wächst in diesen Jahren eine neue Generation heran. Sie ist motviert und gebildet. Aber das alles nützt nichts, wenn das ganze nicht nach außen getragen wird und die Townships weiterhin abgekapselt dahinfristen. Die Leute sollten in die Townships kommen. Sie sollten sehen, wie wir leben. Sie sollten sehen, dass in Townships nicht nur das Elend wohnt, sondern auch eine blühende, vielfältige Kultur. Eine Gesellschaft, die erhobenen Hauptes in die Zukunft blickt.“
 
Siviwe Tours:
Siviwe Mbinda 
Tel: +27/(0)849 450 739 
 
Zur Person:  
Siviwe Mbina - Touristenführer - Unternehmer mit einem Angestellten - stolzer Xhosa - im Township Langa aufgewachsen - erwähnt im Lonley Planet Südafrika und Kapstadt
 
Bildnachweise:
Foto 1: Wikipedia-User Matt-80 unter der Creative Commons-Lizenz
Foto 2-5: Markus Schönherr