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Sydney ist ein Mann geworden

 
Erwachsenwerden bei den Xhosa. Von Elgin Blüher nach einem Bericht von Frank Unland
 
Der erste Besuch bei Sydney im Township Gugulethu war zu spät – da war er schon auf dem Weg, ein Mann zu werden – mit 22 Jahren. Das ist in Afrika nicht unüblich. Um als Mann gesellschaftlich akzeptiert zu werden, müssen Jungen eine mehrwöchige Zeremonie durchlaufen. Auch die Xhosa zelebrieren den Übergang von der Kindheit (Xhosa: ubukhwenkwe) zum Mannsein (ubudoda) in einer so genannten initiation school (Initiationsschule). Zum Mann wird ein Xhosa nicht mit dem Erreichen eines gewissen Alters sondern mit einem tieferen Verständnis für die eigene Kultur. Dies wird den Jugendlichen in der Initiationsschule vermittelt, abseits des gewohnten Umfelds: Werte, soziale Verantwortung, gesellschaftliche Erwartungen, die Rolle als Ehemann, neue Rechte und Pflichten. Das Leben in der initiation school ist karg. Die Jungen leben in selbst gebauten Hütten und müssen häufig auch auf Essen und Trinken verzichten. Traditionell wurde ein Xhosa zwischen 16-18 Jahren zur Initiation geschickt. Heute wird sie „dazwischen geschoben“, wenn es der Lebenslauf zulässt: nach der Schule oder vor dem Studium. Man arrangiert sich mit der modernen Welt. Auch bei der Wahl des Ortes müssen zumindest in den südafrikanischen Großstädten Kompromisse gemacht werden.
 
Die traditionellen Ritualstätten liegen meist fernab im Busch und sind somit nicht länger praktikabel. Freie Flächen am Rande der riesigen Townships müssen daher als Buschersatz dienen. Höhepunkt einer jeden Initiation ist die Beschneidung. Von einem ingcibi (traditioneller „Chirurg“) wird mit einem assegaai (Klinge)die Vorhaut blitzschnell abgetrennt. Der stechende Schmerz, derdurch den ganzen Körper rast, muss ohne das kleinste Wimmern,ohne den leisesten Schrei ertragen werden – nur dann wird einXhosa-Junge als vollwertiger Mann anerkannt. In der folgendenNacht muss die abgeschnittene Vorhautvergraben werden – und mit ihr die Kindheit. So soll sie nach traditionellem Glauben vor bösem Zauber geschützt werden. Ein ikhaukatha (Initiationshelfer) hilft den Jungen bei der Wundpflege mit Heilkräutern. Trotzdem verlassen viele die Initiationsschule oft mit ernsthaften Entzündungen und bleibenden Verletzungen – eine Belastung und Herausforderung für das südafrikanische Gesundheitssystem. In Projekten wird deshalb seit einigen Jahren versucht, die kulturellen Riten hygienischer zu gestalten.
 
Der zweite Besuch bei Sydney ist zur richtigen Zeit. Gerade erst einen Tag zuvor ist er als frischgebackener abakhwetha (Erwachsen gewordener) und damit als Mann aus der Initiationsschule zurückgekehrt. Man wird mit Trommelrhythmen, Singen, Trällern und Pfeifen begrüßt und kann sich nur mit Mühe durch das überfüllte Wohnzimmer des kleinen Hauses manövrieren. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Jeder, der etwas mitbringt, steht automatisch auf der Gästeliste. Der Raum ist von Frauen in Besitz genommen, die mit bewundernswerter Ausdauer im Kreis tanzen. Einige von ihnen tragen die typische Gesichtsbemalung der Xhosa-Frauen – dunkle Punkte umrahmen die weiße Lehmfarbe auf den Wangen, die in starkem Kontrast zu dem kräftigen Orange der Kleider steht. Eine herzliche Umarmung von Vivienne, Sydneys Mutter, und man ist mittendrin in der umgidi, der Willkommensparty für Sydney. Draußen im Hinterhof geht es ruhiger zu. Die Männer der Festgesellschaft haben sich hier zusammen gefunden und palavern. Nach ersten zurückhaltenden Musterungen freut man sich über den Besuch eines „Nicht-Schwarzen“. Schließlich sei es wichtig, meint Sydneys Vater, dass Weiße die Kultur der Schwarzen kennen lernen. Dafür erntet er zustimmendes Murmeln und zahlreiche hoch gestreckte Daumen.
 
Gekocht wird hier auch. Die Küche ist kurzerhand nach draußen verlagert worden und besteht aus zwei riesigen Töpfen auf offenem Feuer, in denen Lammfleisch, Maisbrei und Gemüse pragmatisch mit zwei Holzlatten gerührt werden. Zuvor hatte die Outdoor-Küche als Schlachtplatz gedient – die abgezogenen Schaffelle liegen noch in der Ecke des Hofes. Gegessen wird aus einer alten Regentonne. Und zum Lamm wird traditionelles, selbst gebrautes Mkomboti-Bier ausgeschenkt, das in seinem Geschmack zwischen übergärtem Wein und saurem Fruchtsaft eher gewöhnungsbedürftig ist. Eine ganz andere Atmosphäre herrscht im Zimmer der Hauptperson. Müde sitzt Sydney auf einer Strohmatte am Boden. Wirklich angekommen ist er in seinem neuen Leben noch nicht. Abwesend wirkt er und darf das neue
Leben noch nicht berühren. Wortlos reicht er allen männlichen Gästen zur Begrüßung einen Stock und wird sein Zimmer erst nach zwei schweigsamen Tagen wieder verlassen dürfen. Das alles gehört noch zum Abschied von seiner Kindheit, der gründlich und konsequent war. Sydney musste alle Gegenstände, Möbel und Kleider aus dieser Zeit zurück lassen, die anschließend verbrannt wurden.
 
Jetzt wird neu eingekleidet und eingerichtet. Deshalb wird mitten durch das immer voller werdende Haus Bodenständiges bugsiert: ein Schrank, eine Matratze, Kleidungsstücke – Geschenke, die Nachbarn, Freunde und Verwandte mitbringen. Als abakhwetha darf Sydney ab jetzt heiraten und eine Familie gründen, er ist erbberechtigt, darf an politischen Veranstaltungen teilnehmen und Stammesrituale leiten, aber auch als Streitschlichter fungieren. Sein nagelneuer khakifarbener Anzug lässt die neue Rolle schon etwas erahnen, auch wenn Sydney noch sehr erschöpft von der körperlich anstrengenden Initiationszeremonie ist. Das kann auch die okker-rote glänzende Farbe in seinem Gesicht nicht verdecken, die er zusammen mit dem Anzug noch eine ganze Woche tragen wird. Das okker-rote Pflanzenfett wird von den abakhwetha kurz vor der Rückkehr in die Gesellschaft aufgetragen, gleich nachdem der weiße Lehm abgewaschen wurde, mit dem der Körper unmittelbar nach der Beschneidung als Zeichen von Reinheit eingerieben wird.
 
Nach dem Abbrennen der selbst gebauten Hütten, kehren alle abakhwetha in neue Decken gehüllt gemeinsam nach Hause zurück – ohne einen einzigen Blick zurück werfen zu dürfen. Was Sydney während seiner Initiation erlebt hat, erfährt keiner – der Tradition nach dürfen dies nur abakhwetha wissen.