Kapstadt.com
 

Deutsche am Kap

 
Chronos
 
In Kapstadt feiern Susanne und Jochen Dietrich mit ihrem erfolgreichen Uhrmachergeschäft ihr 10-jähriges Jubiläum. Von Maya Heinbockel
 
„Tick tack, Tick tack”, erklingt es aus rund zwei dutzend Uhren. Tischuhren, Standuhren, Sanduhren, Armbanduhren. Mit Pendel, goldenen Zeigern oder gar mit kleinen Schiffchen verziert. Bei Susanne Dietrich dreht sich alles um die schönen Zeitmesser. Schon der Vater der 41-Jährigen war begeisterter Sammler. Rund 80 Taschenuhren und etliche Standuhren waren in seinem Besitz. Und konsequenterweise hat die studierte Medizinisch-Technische-Assistentin 1995 auch einen Uhrmachermeister aus Karlsruhe geheiratet.
 
Im sechsten Stock in der Adderley Street in Kapstadt restaurieren und reparieren Jochen und Susanne seit zehn Jahren schöne alte Uhren: Rolex, Tag Heuer, Breitling und Rado. Dort haben die beiden ihre Firma „Chronos” mit acht Angestellten, dutzenden teuren Gerätschaften aus der Schweiz und Deutschland und dem einzigen fest angestellten Polier in ganz Südafrika. Dieses Jahr feiern sie ihr zehnjähriges Jubiläum. Nach Südafrika kam die gebürtige Heidelbergerin bereits als 17-Jährige mit ihren Eltern. Ihr Vater gründete in Knysna an der Garden Route eine Farm. Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland zog es Susanne zurück auf den afrikanischen Kontinent. Sie studierte in Kapstadt und arbeitete einige Zeit in Namibia, wo sie sich in Aids-Projekten engagierte.
 
Doch die Liebe schlug in der Heimat zu: Nur wenige Kilometer von ihrem Heimatort lernte sie Jochen kennen. Dem Uhrmachermeister machte immer stärker der Trend zu schaffen, dass die Deutschen von den kleinen Handwerksbetrieben zu den großen Konzernen übersiedelten. „Geiz ist geil-Mentalität” statt Respekt vor die deutsche Bürokratie schwer. Da nahm Susanne ihn kurzerhand mit nach Südafrika – und am 1. Februar 1996 gründeten sie „Chronos”. In Kapstadt hat das Paar eine neue Heimat gefunden. „Ich mag die fröhlichen Menschen und die Vielfalt an Kulturen und Landschaften”, schwärmt Susanne. Und wenn doch mal das Heimweh kommt? „Manchmal kaufe ich beim deutschen Schlachter im Gardens Einkaufszentrum”, erzählt sie. Und regelmäßig, etwa einmal im Jahr, fliegt sie nach Deutschland um ihre Familie zu besuchen. Doch ganz möchte sie nicht zurück. Schließlich weiß man hier die deutschen Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit genauso zu schätzen wie gute Handwerkskunst. Ob Wasserschaden oder ein Sturz auf den harten Fußboden: Jochen kann jede Uhr retten. Mit großer Leidenschaft und Liebe zum Detail zerlegt er die guten Stücke in ihre winzigkleinen Einzelteile. Sein geschultes Auge erkennt sofort den Fehler. Beschädigte Teile werden repariert oder ausgetauscht. Jedes Stück, von der neuen Rolex bis zur geerbten Taschenuhr erhält von ihm und seinen Mitarbeitern die volle Aufmerksamkeit. „Ich liebe meinen Job”, schwärmt Jochen. Und dann fängt er an zu erzählen, wie er die alte Schiffsuhr restauriert oder eine winzige Spirale wieder zurechtgerückt hat.
 
Während Jochen in seinen Uhrwerken versinkt, nimmt Susanne Aufträge entgegen, kümmert sich am Telefon um Kundenfragen und ist fürs Marketing zuständig. Die gute Teamarbeit hat sich herumgesprochen: Bei soviel Liebe zum Detail und zur Uhr kommen die Kunden aus der ganzen Welt. Auch viele Deutsche, die Wert auf gute Handwerkskunst legen, gehören zu ihren treusten Kunden. Sie schicken ihre lieb gewonnenen Zeitmesser oder bringen sie während eines Urlaubs vorbei. Und Susanne und Jochen freuen sich besonders über den Zuspruch aus der Heimat. Susanne: „Wir sind froh über die deutschsprachigen Kunden und möchten uns sehr für deren Treue bedanken.”
 
Denn die Verbindung zwischen Kapstadt und Deutschland ist Jahrhunderte alt. Susanne und Jochen sind nur zwei von vielen Deutschen, die am Kap eine neue Heimat gefunden haben. Die Geschichte begann bereits mit dem ersten Europäer, Jan van Riebeeck. Der Niederländer umgab sich gern mit Deutschen, der Sachse Zacharias Wagner wurde sogar als sein Nachfolger zum Gouverneur bestimmt. In den ersten 150 Jahren wanderten über 14.000 Deutsche in die Kapregion aus. Der Deutsche Johannes Hüsing ging in die Geschichte als erster Kap- Millionär ein.
 
1857 folgte eine Welle von 2.000 deutschen Soldaten, die Kapstadt als Belohnung für ihre Dienste an den Briten erhielten. Weitere Einwanderungsschübe folgten 1877 und 1882. Sogar Südafrikas mächtigste Familie, die Oppenheimer, die durch ihr Diamanten- und Goldimperium berühmt wurden, stammen aus Hessen-Nassau. Und gerade seit dem Fall des Apartheid- Regimes hat Kapstadt noch mehr an Beliebtheit gewonnen.
 
„In Südafrika gibt es etwa 120.000 Passdeutsche. Mehr als die Hälfte davon leben in der Provinz Westkap. Dazu kommt eine hohe Zahl an Langzeiturlaubern wie Rentner und Immobilienbesitzer”, sagt Marco Schmitt, Verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Generalkonsulat Kapstadt. Schätzungsweise sind es rund 100.000 Deutsche, die im nordischen Winter lieber bei 30 Grad in der Sonne liegen, und so die Stadt am Tafelberg zu ihrer zweiten Heimat erkoren haben.