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Streit der Primaten

 
Zerbrochene Fenster, durchwühlte Schränke, verspeiste Vorräte - Paviane müssen ihr unangemeldetes Erscheinen nicht selten mit dem Leben bezahlen. Tierschützer versuchen zu schlichten und die bedrohte Art zu schützen. Von Michael Wolf.
 
Es war ein windstiller Sommertag im Jahre 1505. Iku, ein Khoi-San Junge, war auf der Suche nach Wasser in den südlichen Ausläufern des Tafelberges. Er wusste, dass wenn er lange genug dem Paviantrupp folgte, dieser ihn an eine Quelle führen würde. Plötzlich raschelte es in den Zweigen hinter ihm. Der Junge drehte sich um und blickte in das Gesicht eines Pavianmännchens, das energisch die Augenbrauen hochzog. Sein Vater hatte ihn gelehrt, dass dies eine ernstzunehmende Drohgebärde sei. Iku senkte den Kopf und blickte demonstrativ in eine andere Richtung. So hatte er es einmal bei zwei rivalisierenden Pavianen beobachtet. Die devote Haltung stimmte das aggressive Männchen friedlicher. Nach einiger Zeit verschwand der Affe in den Büschen. 500 Jahre später: Brenda Stanton genießt den fantastischen Blick auf die Strände vor Kommetije, als sie nach einer Wanderung zurück zu ihrem Haus spaziert. Seit 3 Monaten ist ihr neues Domizil fertiggebaut, eine Luxusvilla in prominenter Lage am Hang. Sie freut sich über ihre Entscheidung, die Kapstädter Wohnung zu verkaufen, um sich hier am Südzipfel der Halbinsel zur Ruhe zu setzen. Innerhalb der nächsten 10 Minuten soll sie ihre Meinung revidieren. Nur noch wenige Schritte von ihrem Haus entfernt, schöpft sie ersten Verdacht: Wer hat wohl die Konservendosen so achtlos vor ihrer Haustür verteilt? Wer hob das Küchenfenster aus den Angeln?
 
Langsam pirscht sie sich an das Wohnzimmerfenster. Affen! Ihr Haus ist voller Affen. Eine Sippschaft Paviane stöbert in ihren Schränken, bedient sich freizügig am Kühlschrank, macht ihr Geschäft auf dem Esstisch. Ein riesiger Pavian, ganz offensichtlich das dominante Männchen, sitzt gar auf ihrem Wohnzimmertisch und verspeist ein ganzes Toastbrot mit nur wenigen Bissen. Der Affe ignoriert zunächst gänzlich Brendas Rufe. Als es ihm zu viel wird, fletscht der mächtige Pavian kurz die Zähne und entblößt ein Gebiss, das Brenda ihr Leben lang nicht vergessen wird. Am nächsten Tag ruft sie ihren Makler an. Nichts würde sie hier halten können!
 
Der Konflikt der Primaten ist so alt wie die Besiedlung Südafrikas durch die Holländer. Allzuoft wurde der Streit ums Territorium mit der Schrotflinte beigelegt. Die an die Nähe zum Menschen und das „fast food” aus Mülltonnen gewöhnten Chacma-Paviane wurden so in 350 Jahren auf weniger als 250 Exemplare in etwa 10 Trupps dezimiert: eine Menge, die Tierschützer langfristig für nicht überlebensfähig halten. Paviane gehören mittlerweile zu den bedrohten Tierarten, doch der Verdrängungskrieg hat kein Ende gefunden. Zuletzt im Mai 2005 töteten wütende Bürger zwei Paviane und verletzten weitere. Der Raum für die Artgenossen wird enger, da das auf der Beliebtheitsskala steigende Kap neues Bauland braucht. Auch Touristen spielen eine Rolle im Überlebenskampf der letzten Paviane. Trotz eingehender Warnungen durch Parkpersonal und auf Anzeigetafeln werden Paviane immer noch von Urlaubern gefüttert. Andere Besucher werden dann von derart „verwöhnten” Affen belästigt oder sogar angegriffen. Die fatale Konsequenz ist bisweilen die Tötung des lästigen Individuums. In bestimmten Bereichen bei Cape Point sind Picknicke untersagt – sei es auch nur eine Tüte Chips, da Affen sich auf aggressive Weise die mitgebrachten Leckereien aneignen. Wer mag es ihnen verübeln, wenn man bedenkt, dass ein halbes, geklautes Brot dem Dieb vier Stunden Futtersuche erspart. Die Tierschützerin Jenni Trethowan gründete das Projekt „Baboon matters”, um der drohenden Ausrottung des Chacma-Pavians am Kap entgegenzutreten. Ihre Aufgabe besteht darin, Bürger betroffener Gebiete über Vorsichtsmaßnahmen aufzuklären. Verriegelbare Mülltonnen, vergitterte Fenster, und ein Hochdruck-Gartenschlauch gehören zur Grundausrüstung in Kommetjie und Noordhoek.
 
Derzeit neun Wildhüter sind permanent im Einsatz, um Paviane von Wohngegenden fernzuhalten. Dabei müssen diese den Tieren auf Schritt und Tritt folgen und bei Bedarf mit lauten Geräuschen und Stöcken intervenieren. Jenni kennt jeden ihrer Schützlinge. Seit Jahren studiert sie ihr ausgeprägtes Sozialverhalten. Touristen und interessierte Anwohner führt sie auf einer lehrreichen Wanderung durch den Cape Point Naturpark mitten in eine Gruppe wilder Paviane. Dort heißt es: Still sitzen und beobachten. Die hochentwickelten Kommunikationscodes der Tiere sind faszinierend. In nächster Nähe zu den Primaten ist es wichtig, die Verhaltensregeln des Trupps einzuhalten. Eine Erfahrung, die vielen Besuchern die Augen öffnet. Die Ureinwohner des Kaps respektierten und schätzten die Paviane als Bestandteil ihrer Umgebung. Sie lernten ihre Codes und profitierten vom Gespür der Affen für Nahrung. Diese Balance ist für immer verloren. Vielleicht aber gelingt es Jenni und ihren Helfern, mehr Sensibilität zu schaffen, eine Vorraussetzung für die Erhaltung der letzten Paviane am Kap.
 
Jennis Pavian-Wanderung kann bei Andulela Experience gebucht werden.