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Brandy den Ahnen..

 
„Brandy den Ahnen, Nietzsche den Europäern”
In Südafrika liegen Tradition und Moderne eng beieinander. Nicht immer geht es dabei um Gegensätze. Viele Südafrikaner wollen ihr afrikanisches Erbe nicht für westliche Werte eintauschen, sie wollen beides. Corinna Arndt hat eine angehende Heilerin drei Tage lang während einer Zeremonie in den Bergen der Ostkap-Provinz begleitet.
 
Bis zum nächsten Dorf sind es zwei Stunden Fußmarsch. Um uns herum: nichts als kahle Berge, Kälte, Nieselregen. Die Ostkap- Provinz im Winter. Seit gestern Abend sitzt Zanele Mbude-Shale eingewickelt in dicke Decken und vor Kälte zitternd in einer Hütte aus Ästen und Laub. Die junge Frau ist angehende Igqhira, eine traditionelle Heilerin in der Stammestradition der südafrikanischen Xhosa. Drei Jahre hat ihre Ausbildung gedauert. Nun ist sie hier, um den Segen der Ahnen zu erhalten – denn die sollen ihr später helfen, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen. Während ein paar junge Männer in Hörweite versuchen, auf dem schlammigen Berghang ein Feuer in Gang zu bekommen, versucht Zanele zur Ruhe zu kommen und sich dem zu öffnen, was die Ahnen ihr zu sagen haben. In der vergangenen Nacht seien sie zu ihr gekommen, sagt sie. „Ich weiß, dass sie hier waren, wir haben miteinander gesprochen. Sie rufen mich und zeigen mir ständig neue Dinge”, sagt sie in einem Tonfall, in dem andere von ihrem Alltag erzählen.
 
 
Kein Zweifel: Zanele nimmt ihre Berufung als Heilerin so ernst wie ihre akademische Laufbahn als Sprachwissenschaftlerin an der Universität in Kapstadt. Dem Kopfschütteln ihrer Kollegen zum Trotz ist sie für zwei Monate zurückgekehrt ins Dorf ihrer Vorfahren. Nur hier, in Upper Ndonga Magqhubela könne sie das Geschenk annehmen, das ihr in die Wiege gelegt worden sei, erzählt sie: die Gabe, andere Menschen zu heilen. „Ich wusste das schon als Kind. Du hast Visionen, du weißt und sagst Sachen, die andere nicht wissen. Du sagst Ereignisse voraus, die dann eintreffen. Du siehst Dinge im Traum und niemand kann damit etwas anfangen. Ich habe die Sache nur verschoben, weil ich Karriere machen wollte.”
 
Das Feuer neben Zaneles Laubhütte ist niedergebrannt, und der Regen hat nachgelassen. Versteckt hinter dichtem Buschwerk bereiten ihre Begleiter das tägliche Opfer für die Ahnen vor. Jemand stimmt einen schwermütigen Gesang an. Ein Trommler nimmt den Rhythmus auf, die Gruppe rückt enger zusammen. Alle Blicke ruhen auf einem jungen Mann, der auf dem Boden kniet. Thebe Shale hat einen ockerfarbenen Rock um die Hüften geschlungen; vor seiner Brust kreuzen sich Perlenketten, die weiße Tonerde im Gesicht symbolisiert die Reinheit des Heilers. Er ist alles in einer Person: geachteter Igqhira, Leiter der Zeremonie und Zaneles spiritueller Lehrer.
 
„Wir bringen unseren Vorfahren an diesem Ort die Früchte unserer Felder dar: Bohnen, Kürbisse und Mais”, beginnt er mit würdevoller Stimme. Der Wind hat gedreht und weht Thebe den weißen Rauch brennender Heilkräuter ins Gesicht. „Wir haben auch Tabak mitgebracht für die Raucher unter ihnen, Streichhölzer, Schnupftabak und Süßigkeiten. Und Tee und Brandy.” Bedächtig wickelt er die Opfergaben in das blutige Fell eines Ziegenbocks und faltet daraus ein kleines Bündel, das er behutsam in eine Felsspalte legt. Diese Gaben, so hofft Thebe, werden die Ahnen auf Zaneles Seite bringen. Denn bis zum Ende der Zeremonie gilt sie als Umkhule – als die Kranke, die unter ihrer großen Aufgabe leidet. In Zaneles Fall hieß das konkret: unerträgliche Kopfschmerzen, Asthma und Träume, in denen sie mit Perlen geschmückt aus einem Fluss steigt.
 
„Diese Symptome sind schon lange verschwunden”, erzählt Thebe später, als er lang ausgestreckt neben dem Feuer liegt. Vorsichtig schiebt er den Schnupftabak auf seinem Handrücken zu einem kleinen Häufchen zusammen. Es ist kurz vor Mitternacht. Er ist philosophisch gestimmt, amüsiert sich über Nietzsche und prophezeit schließlich das Ende des Rationalismus in Europa. Am Morgen des vierten Tages bricht die Sonne durch die Wolken. Singend und mit Töpfen, Eimern und Decken beladen kehrt die Gruppe ins Dorf zurück. Dort ist schon alles bereit: Über hundert Menschen sind gekommen, um die fertig ausgebildete Heilerin zu begrüßen. Gekleidet in Leopardenfelle und aufwändig gearbeiteten Perlenschmuck steht Zanele neben ihrem Mann. Drei Jahre hat sie auf diesen Tag gewartet. Doch die Karriere ruft: übermorgen muss sie wieder an der Uni sein.