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Helen Zille - deutschstämmige Bürgermeisterin Kapstadt's

 
"Ich kann Lügen und politisches Geschwafel nicht ausstehen"
Helen Zille, Bürgermeisterin von Kapstadt, muß sich gegen die Schwarzenpartei ANC behaupten - Deutschstämmige hat familiäre Wurzeln in Berlin und Essen
 
Kapstadt - Fast eine halbe Stunde lang erläutert der Technokrat den Stadträten von Kapstadt die Chancen der WM-Austragung. Ein nagelneues Stadion für 2010, ein Innercity-Park und dazu noch der Werbefaktor: Milliarden Fußballfans würden die schöne Metropole an der Südwestspitze Afrikas am Bildschirm erleben, Hunderttausende anreisen. Am besten sei es, wenn die Stadt sofort eine Milliarde Rand (134 Millionen Euro) zur Verfügung stelle.
 
Die neue Bürgermeisterin unterbricht. "Eine Milliarde? Das ist unser gesamtes Baukapital für den laufenden Haushalt. Bauen wir eine neue Sportarena, oder kümmern wir uns erst einmal um die dringlichsten Bedürfnisse der armen Bevölkerung?" Thema vertagt. Nächster Punkt: die bedrohlich unterfinanzierte Feuerwehr.
 
Ein typischer Auftritt von Helen Zille, die zielstrebig und engagiert in Erscheinung tritt. "Ich kann Lügen und politisches Geschwafel nicht ausstehen. Um von A nach B zu gelangen, nimmt man am besten den direkten Weg", sagt die 55jährige im Gespräch mit der WELT.
 
Seit 17 Tagen leitet sie die Geschicke der Drei-Millionen-Metropole am Kap der Guten Hoffnung; kein Tag ohne Schlagzeilen. "Zille legt WM-Planung auf Eis", "Mob stoppt Zille im Township", "Zilles Amtszeit wird kurz sein, warnen Gegner". Ihre Demokratische Allianz hat mit Not eine Koalition von kleineren Parteien zusammengeschweißt und muß kämpfen. "Der ANC hat zum ersten Mal seit 1994 eine wichtige Wahl verloren. Wenn wir in Kapstadt unsere Regierungsfähigkeit unter Beweis stellen, ist das ein Meilenstein unserer jungen Demokratie", sagt sie.
 
Was in Südafrika fast niemand weiß: In ihren Adern fließt ausschließlich deutsches Blut. Mütterlicherseits die Cosmanns aus Essen, väterlicherseits die Zilles aus Berlin, verwandt mit dem berühmten Heinrich, dem Karikaturisten, Milieumaler und Fotografen. "Auf den bin natürlich stolz", sagt sie, "ein Vetter meines Großvaters, ein Freund des kleines Mannes. Diese Tradition wurde von meinen Eltern und Großeltern in Südafrika fortgeführt. Meine Familie war immer gegen Nationalismus - erst in Nazi-Deutschland, dann hier."
 
In einem Interview vor 22 Jahren - damals erwartete die jung verheiratete Helen ihren ersten Sohn und gab eine absehbar glänzende Karriere als politische Journalistin auf - erzählte sie mehr Details ihrer spannenden Familiengeschichte. "Meine Mutter traf 1948 in Johannesburg ein - nur Monate, bevor die Nationale Partei an die Macht kam und dann die vollständige Apartheid erfand - und stemmte sich sofort aktiv dagegen. Im Gegensatz zu den meisten Weißen damals wurden wir drei Kinder sozialpolitisch aufgeklärt. Ich merkte in der Schule dann schnell, daß meine Ansichten anders waren. Dazu kam, daß meine Großmutter schon ihre Töchter progressiv und feministisch erzogen hatte. Sie sagte ihnen: "Mädchen, schmeißt eure Stricknadeln ins Feuer, wartet nicht auf Ehemänner, sondern lernt, unabhängig zu sein.""
 
Rückblende: Am 9. November 1938, in der Reichskristallnacht, zertrümmern braune Horden das Haus der Familie Cosmann. Ihr Großvater, ein erfolgreicher jüdischer Anwalt, wird eingesperrt und erst kurz vor Kriegsbeginn freigekauft. Mutter Mila, damals 20, reist zu Freunden nach England, nach und nach folgt der Rest der Familie. Die heute 87jährige Mila Zille hat nichts vergessen. "Als meine Eltern in England ankamen, hatte mein Vater noch 250 Pfund. Er mußte als Nachtwächter arbeiten. Aber mehr als der Verlust des Familienvermögens machte ihm zu schaffen, daß die Kerle in jener Nacht sein geliebtes Cello in Stücke geschlagen hatten. Als ich ihm vor meiner Abreise frische Wäsche ins Gefängnis brachte, sagte er mir: "Wenn sie so etwas kaputtmachen können, geht es beim nächsten Mal ans Leben.""
 
Aber die Nazis konnten die Cosmanns nicht ausrotten. Im Gegenteil, der Clan hat das Langlebigkeits-Gen: Mila hat noch eine 91jährige Schwester in Johannesburg, eine 94jährige Schwester in Buenos Aires und einen 93jährigen Bruder in den USA."
 
Ihr kürzlich verstorbener Mann Wolfgang Zille hatte eine jüdische Mutter, Helene Marcus aus Dessau. Dieser Zweig der Familie verließ Berlin bereits 1934 und traf zwei Jahre später in Südafrika ein. Helen Zille bezeichnet sich "als Christin, die sehr stolz auf ihr jüdisches Erbe ist". Mutter Mila, die auch nach fast 60 Jahren in Afrika den geliebten Ruhrpottdialekt nicht verloren hat, unterstreicht das. "Wir sind zwar alle getauft, aber wir wissen genau, wer wir sind. Hitler kam an die Macht, als ich 14 war; ich habe mich völlig als Jüdin identifiziert. Ich war isoliert und traurig. Rassismus ist das Niederträchtigste, was es nur geben kann. Ich kam nach Südafrika und wurde sofort wieder mit dieser absurden Blut-und-Boden-Geschichte konfrontiert. Ich war außer mir und beschloß: Dieses Mal sitzt du nicht auf dem Sofa und "bist dagegen", dieses Mal tust du was."
 
Sie ärgert sich, wenn sie hört, daß ihre Tochter angefeindet wird, weil sie eine weiße Hautfarbe hat, daß sich die Anzeichen eines neues Rassismus im demokratischen Südafrika mehren - dieses Mal mit umgekehrtem Vorzeichen: "Entsetzlich! Ich bin degoutiert! Aber Helens Glaube, Anstand und Kraft wird alles aushalten. Sie hat Zivilcourage. Hatten wir ja alle."
 
Kapstadts neue Bürgermeisterin spricht Xhosa, die schwarze Sprache, die nach Zulu am weitesten verbreitet ist, besser als Deutsch. Das hilft - etwa wenn ihr ein Mob den Zutritt in einen Slum verweigert. Zille hat eine Vision von Kapstadt: "Diese Stadt kann und muß eine der führenden Metropolen der Welt werden." Offen bleibt, ob man ihr genug Zeit geben wird, diese Vision zu realisieren.
 
Artikel erschienen am Sa, 1. April 2006 "Die Welt"
von Thomas Knemeyer