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Ein Kontinent voller Optimisten

 
Die Korrespondententagung des Handelsblatts Anfang März bietet jedes Mal eine gute Gelegenheit, die Stimmung in Deutschland zu sondieren - und mit der im eigenen Berichtsgebiet zu vergleichen. Zugegebenermaßen ist der Zeitpunkt dafür nicht ganz fair gewählt: in Südafrika geht dann gerade ein langer, heißer Sommer zu Ende, während Deutschland allmählich aus seiner winterlichen Depression erwacht.
 
Dennoch: es ist immer wieder frappant zu sehen wie stark sich die Stimmung in beiden Ländern unterscheidet. In Südafrika haben der Rohstoffboom und die dadurch bedingte Aufwertung der Randwährung die Menschen in einen wahren Kaufrausch versetzt, der wiederum die Börse und den Immobilienmarkt auf immer neue Höchststände treibt. Viele Südafrikaner haben sich von dem z.T. künstlich geschaffenen Boom derart blenden lassen, dass sie die Realität und die tiefen sozialen Probleme ihres Landes längst aus den Augen verloren haben. Erst die jüngsten Stromausfälle und der Aufruhr in den Townships haben zumindest vereinzelt für ein gewisses Maß an Ernüchterung gesorgt.
 
In Deutschland ist das Bild fast genau umgekehrt. Die Innenschau, die so vielen Südafrikanern abgeht, ist hier derart stark ausgeprägt und negativ gefärbt, dass die vielen guten Seiten des eigenen Landes fast völlig ausgeblendet werden. Manchmal denke ich, wie schön es wäre, einen Teil der kaufwütigen und allzu optimistischen Südafrikaner nach Deutschland zu fliegen und einen Teil der sparwütigen und allzu negativen Deutschen hierher zu verfrachten. Vielleicht ließe sich so eine goldene Mitte finden, die beiden Ländern gut täte.
 
Ein positiver Nebeneffekt wäre vielleicht, dass mancher Deutsche mehr Perspektive für die eigene Lage bekäme und mehr Gelassenheit entwickeln würde. Dies würde vor allem denjenigen gut tun, die mir mit ihren zum Teil gehässigten Kommentaren auf diesen Blog nur ein Kopfschütteln abringen. Für mich sind diese Leute nur ein weiteres Symptom dafür wie rücksichtslos und selbstherrlich viele Deutsche inzwischen miteinander umgehen - und wie viel sie zumindest in diesem Punkt von den Menschen in Südafrika lernten könnten.
 
Mich überrascht es jedenfalls immer wieder, wie viel intensiver und vor allem freundlicher als in Europa die soziale Interaktion zwischen den Menschen in Afrika verläuft, zumindest an der Oberfläche. Der Passbeamte begrüßt mich, als er bei der Ankunft durch den Reiseausweis blättert, mit einem freundlichen "Welcome home" und will auch gleich noch wissen, wie gut Deutschland denn nun wirklich auf die Fußball-WM vorbereitet sei. Überhaupt ist im südafrikanischen Alltag eine starke Dynamik spürbar: Fremde werden, wenn sie nicht allzu missmutig dreinschauen, auf der Straße gegrüßt, Kunden in Geschäften in ein Gespräch verwickelt, selbst wenn sie nichts kaufen, Für Autofahrer gehört es zum guten Ton, sich mit Handzeichen oder dem Betätigen der Warnblinkanlage bei Fahrern zu bedanken, die ihnen durch das Ausweichen auf den Seitenstreifen das Überholen erleichtern. Selbst Deutsche, die sich daheim eher abschotten, sind von der Offenheit und Hilfsbereitschaft vieler Südafrikaner oft überwältigt. Trotz der hohen Kriminalität und einer zunehmenden Vorsicht ist die menschliche Begegnung hier noch immer direkter, herzlicher und auch weit weniger von Sozialkonventionen geprägt als in Europa.
 
Vielleicht erklärt dies auch, weshalb die Afrikaner trotz der wirtschaftlichen Misere ihres Kontinents bei Umfragen stets zu den größten Optimisten zählen. Gerade erst hat die Forschungsgruppe Gallup International bei ihrer alljährlichen Umfrage ermittelt, dass Afrikaner bei der Frage, ob das neue Jahr besser als das alte wird, weltweit stets auf den vorderen Plätzen rangieren. Von den befragten 52000 Menschen in 62 Ländern glaubten weltweit weniger als die Hälfte, dass es in diesem Jahr bergauf gehen würde. Ausgerechnet in Afrika jedoch, das wirtschaftlich längst den Anschluss verloren hat, lag der Anteil bei fast 60% - und damit fast doppelt so hoch wie in Europa.
 
Handelt es sich also um eine Fehleinschätzung der eigenen Lage? Vermutlich. Die Gallup-Forscher sind jedenfalls überzeugt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem geäußerten Optimismus und der Realität gibt. Afrikaner, allen voran die Nigerianer, gehören in puncto Optimismus stets zu den Spitzenreitern, unabhängig von der eigenen Lage. Im Gegensatz dazu zählen ausgerechnet die Griechen zu den größten Pessimisten, dicht gefolgt von den Portugiesen und Franzosen.
 
Zyniker glauben, dass die Afrikaner vor allem deshalb so positiv denken, weil es um ihren Kontinent inzwischen so schlecht bestellt ist, dass die Lage kaum noch schlimmer werden kann. Viele, wie der nigerianische Politikwissenschaftler Kayode Fayemi, teilen diese Ansicht. "Was die Menschen in Afrika durchhalten lässt, ist allein die Hoffnung auf eine unbekannte Zukunft. Anders kann man ihren ungebrochenen Optimismus nicht erklären, denn er lässt sich in keiner Weise durch die Realität stützen" sagt er. Fayemi hat recht: jeder gelebte Tag, jede Geburt, Hochzeit oder Beförderung, jeder Sonnenauf- und Sonnenuntergang sind in Afrika auf ihre Weise ein neuer, kleiner Triumph der Hoffnung über die Erfahrung. Es ist diese Hoffnung, die Afrika (noch) am Laufen hält. Und vielleicht kann gerade mancher Deutsche davon etwas lernen.