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Ein Feind in meinem Spiegel

 
Der Lauf aller menschlichen Verrichtungen wird als zyklisch beschrieben. Die Phase zwischen zwei Zyklen wird in Wirtschaftskreisen als ,,Konsolidierungsphase" bezeichnet. Die südafrikanische Regierungspartei ANC nennt sie Gewissensprüfung - ,,Time for Soul searching".
 
Eine mächtige Parteimaschine zum Anhalten zu bringen ist unmöglich, könnte man meinen. Wenn vordergründig machtlose Menschen dies versuchen, scheint es sogar ausgeschlossen zu sein. Und doch hat es ein Mann, wenn auch nur kurz, wieder einmal geschafft und dabei gänzlich harmlose Utensilien benutzt: kleine Gesten, leise Worte und einen Spiegel. Bischof Emeritus Desmond Tutu hat im Laufe dieses Jahres auf Dutzenden Veranstaltungen und Festreden die neue Elite seines Landes aufgefordert, einmal in Ruhe einen Blick in den Spiegel zu werfen und zu überprüfen, was sie dort sehen.
 
Lange passiert nichts. Es gab Randnotizen in Zeitungen. Dann folgten längere Meldungen. In den letzten sechs Wochen schließlich gab es viel Geschrei. Tutus Botschaft war angekommen, einige hatten in den Spiegel geblickt und wollten, wie das unter Menschen üblich ist, erstmal den Botschafter massakrieren. Der ANC-Flügel von Jacob Zuma bezeichnete Tutu im September in einem offenen Brief als ,,amerikanischen Bischof" und verbat sich jede weitere Beschimpfung mit Vokabeln wie ,,Moral", ,,Ehrlichkeit" oder ,,Gewissen".
 
Zur Gleichen Zeit warf der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki vor der UN-Vollversammlung den entwickelten Staaten vor, sie seien mit ihrer grenzenlosen Gier und Ignoranz Schuld daran, dass die Staaten des südlichen Afrika ihre Entwicklungsziele nicht erreichen würden, die Schere zwischen Armut und reich immer weiter auseinanderklaffe und Afrikaner wegen peinigenden Hungers nachts nicht einschlafen können. Mbeki zitierte in seiner Rede Gandhi.
 
Die südafrikanische Zeitung Sunday Times zitierte daraufhin Gandhi-Preisträger Desmond Tutu und auch die Protokolle des 66-köpfigen ANC-Exekutivrates (National Executive Committee, NEC). Fünf der Mitglieder des NEC bringen es laut der Zeitung zusammen auf ein Vermögen von 1,5 Milliarden Rand. 75 Prozent aller Empowerment-Transaktionen im Jahr 2005 seien an hohe ANC-Funktionäre gegangen, heißt es dort ebenfalls. Tatsächlich gehöre ein beträchtlicher Teil der 20 südafrikanischen Milliardäre und 130 Multimillionäre mit einem Vermögen von über 100 Millionen Rand zu genau der Gruppe der neuen Elite, die dem Rest der Welt grenzenlose Gier und Ignoranz vorwerfe.
 
Ein Oppositionspolitiker der Demokratischen Allianz, Douglas Gibson, führte derweil die Medien zur neu gebauten Ruhestands-Residenz des Präsidenten und fragte zugleich, wie viel Steuergelder aufgebracht wurden, um Mbeki einen geruhsamen Lebensabend in seiner kleinen Villa zu sichern. Die Zahlen schwanken zwischen acht und 20 Millionen Rand. Im Parlament wurde Gibson daraufhin von mehreren Ministern der Regierungspartei des ,,versteckten Rassismus" bezichtigt. Er habe mit einem billigen Trick einen afrikanischen Präsidenten vorführen wollen und zudem die Sicherheit Mbekis in Gefahr gebracht, hieß es außerdem.
 
Immer noch im September sagte Präsident Mbeki in einer Rede, die Nation sehe sich in Gefahr, ,,die unschätzbaren Werte der Freiheit durch Designer-Marken, teure Autos und die Geräumigkeit unserer Häuser" zu ersetzen.
 
Am vergangenen Dienstag schließlich sagte der Unternehmer Saki Macozoma auf einer Veranstaltung zur ,,Gerechtigkeit und Versöhnung" in Kapstadt, das Land sehe sich einem doppelköpfigen Ungeheuer ausgesetzt, deren Köpfe Gier und Machtsucht heißen. ,,Die Menschen wollen allzu oft eine Abkürzung nehmen. Sie denken, ihre einzige Chance im Leben sei zu grapschen, stehlen und zu plündern. Dann verändern sie das System dergestalt, dass ein derartiges Verhalten tolerierbar wird." Die Südafrikaner sollten aufhören, über dieses Phänomen in Parabeln zu sprechen und stattdessen deutlich sagen, was sie sehen, so Macozoma. Auch er ist Mitglied des Exekutivrates des ANC.
 
Genau wie Finanzminister Trevor Manuel. Der sagte vergangene Woche der Zeitung Mail & Guardian, der NEC werde in Kürze einen Verhaltenskodex verabschieden, der Empowerment-Transaktionen für Parteimitglieder und deren Angehöriger beschränkt. Er soll Minister und andere hohe Funktionäre auch zur Offenlegung ihrer Geschäftsinteressen verpflichten und eine Verbot für Geschäftstätigkeiten während der Amtszeit enthalten. ,,Der ANC muss davor beschützt werden, seine Seele zu verlieren" sagte Manuel dem Blatt und forderte alle Mitglieder zugleich ,,aus aktuellem Anlass" zur Gewissensprüfung auf. Er zitierte damit direkt Desmond Tutu. Der hatte statt ,,ANC" allerdings ,,die Menschen Südafrikas" gesagt.
 
von Stefan Grüllenbeck