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zerstoerte Heimat

 
Das Apartheid-Regime ließ den multikulturellen Stadtteil „District Six“ dem Erdboden gleichmachen. Ein Museum erinnert an das Leben dort.
 
Der Blick auf den Stadtplan macht stutzig. Unweit des Zentrums von Kapstadt liegt eine Fläche, auf der nur wenige Straßen und vereinzelt Gebäude verzeichnet sind. Der Rest ist als unbebaut markiert. Man vermutet eine Parkanlage. Fährt man jedoch auf der M3 oder N2 Richtung Innenstadt, fällt der Blick auf ein kahles und trostloses Brachland. Kaum zu glauben, dass hier vor 40 Jahren ein pulsierender Stadtteil, der „District Six“, existierte.
 
Mit dem Sieg der National Party 1948 und dem Aufbau des Apartheidsstaates war jedoch das Ende des multikulturellen „District Six“ besiegelt. 1966 wurde der Stadtteil zur „weißen Zone“ erklärt. Basierend auf dem sogenannten „Groups areas Act“ sollte jede ethnische Gruppe in voneinander getrennten Stadtteilen leben. So wurden 60.000 Menschen gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben und in die öden Randgebiete, den Cape Flats, zwangsumgesiedelt. Bulldozer rissen innerhalb von 15 Jahren 3.700 Gebäude nieder, nur Kirche und Moschee blieben verschont. Den Bauschutt verwendete man zum Ausbau der V&A Waterfront.
 
Im 19. Jahrhundert siedelten sich in dem Bezirk unterhalb des Devils Peak befreite Sklaven, Immigranten aus Europa und Indien, Kaufleute und Arbeiter an. Weiße lebten friedlich neben Schwarzen, Farbige neben Indern und Christen wohnten Tür an Tür mit Moslems und Juden. Der Handel florierte, in den engen Kopfsteinpflastergassen reihten sich Handwerker, Schneider, Fleischer, Obst- und Fischhändler aneinander. Vielerorts erklang Jazz-Musik und im Sommer zog der bunter Coon Carnival durch die Straßen. Das Viertel war Heimat vieler Intellektueller und politischer Aktivisten, die vor allem in den 20er und 30er Jahren hier soziale, kulturelle und politische Fragen diskutierten.
 
Wer einen Eindruck vom Leben in dem ehemals lebhaften Bezirk gewinnen will, sollte einen Besuch im District Six Museum nicht versäumen. „Wir haben einen Platz geschaffen, der uns unsere Identität wiedergibt“, sagt Vincent Kolbe, ehemaliger District-Bewohner und heute Kurator des Museums. Was als kurzweilige Ausstellung gedacht war, hat sich zu einem Mahnmal gegen Rassismus entwickelt. Man fühlt sich abrupt in den Alltag des Viertels zurückversetzt, in diesen Schmelztiegel verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen. In der Eingangshalle vergegenwärtigen ein riesiger Stadtplan sowie originale Straßenschilder die einstige Struktur des Bezirks. Zahlreiche Fotografien von Familienfeiern, Jazz-Abenden oder Sportveranstaltungen zeugen von glücklichen Tagen. Ein nachgebauter Friseursalon, Bilder von engen Schneiderstuben und großen Bekleidungsfabriken geben einen Einblick in das Arbeitsleben. Über Schrift- und Tondokumente kommen ehemalige Bewohner zu Wort und bei Führungen im Museum berichten einige von ihren Erinnerungen.
 
Das Ziel, den Bezirk als „weiße Zone“ zu etablieren, ist dem Apartheid- Regime jedoch nie gelungen. Die nationale und internationale Empörung war so groß, dass sich das Gebiet, zynisch umbenannt in „Zonnebloem“ („Sonnenblume“), bis heute nicht zu einem wirklichen Lebensraum für Menschen entwickelt hat. Nach jahrelangen Verhandlungen hat gegenwärtig die Wiederbesiedlung begonnen. So übergab Nelson Mandela 2004 symbolische Schlüssel an zwei ehemalige, mittlerweile über 80jährige Bewohner und bis 2007 sollen 4.000 Familien in ihre alte Heimat zurückkehren.
 
Das District Six Museum befindet sich in der ehemaligen Methodisten-Kirche in der Buitenkant Street. Geöffnet ist Mo 9-15 Uhr sowie Di-Sa 9-16 Uhr. Infos: www.district.six.co.za , Tel. +27 (0)21 466 7200. Für Literaturinteressierte: im Roman “Walk in the Night” (1962) beschreibt Alex La Guma eindrucksvoll das Leben im Bezirk.
 
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