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The Big Issue

 
von Martin Kahl
Das Kapstädter Straßenmagazin „The Big Issue” versucht hilfsbedürftigen Menschen wieder eine Aufgabe und neue Hoffnung zu geben.
 
Jakoef Galant’s Blicke streifen unruhig und suchend über die unzähligen vorbeifahrenden Autos. Seine Arbeit ist vom Takt der Ampel an der Ecke Hof Street / Camp Street im Herzen Kapstadts bestimmt. Sobald die Autos bei rot zum Stillstand kommen, läuft er mit fragendem Blick an den langen Schlangen entlang und hält an jedes Seitenfenster das Magazin, mit dem er momentan seinen Lebensunterhalt verdient: „The Big Issue” steht darauf in großen Lettern.
 
Seit Dezember 1996 unterstützt das Kapstädter Straßenmagazin „The Big Issue” Obdachlose und hilfsbedürftige Menschen, die meist aus den umliegenden Townships kommen, durch ein einfaches Verkaufsprinzip: Als selbstständige Straßenverkäufer erwerben sie das Blatt von der Redaktion für sechs Rand und verkaufen es auf der Straße zum doppelten Preis. „Einige Verkäufer verdienen so bis zu 4.000 Rand im Monat, andere verkaufen nur ein paar Tage im Monat für ein kleines finanzielles Zubrot”, sagt James Garner, Chefredakteur von „The Big Issue”. Jakoef bringt es immerhin auf rund hundert verkaufte Magazine im Monat. Viel ist das nicht, doch es reicht für ihn, seine Frau, die mitverdient, und sein erst neun Monate altes Kind.
 
Die Journalisten, die für das „The Big Issue” schreiben, ermöglichen den rund 300 Straßenverkäufern nicht nur ein eigenes Einkommen, sondern versuchen auch der Arbeitslosigkeit und Armut ein Gesicht zu geben. Mit den Artikeln, die sich vornehmlich mit sozialen und politischen Problemen befassen, schafft „The Big Issue” in der Öffentlichkeit ein Forum für die Probleme und Bedürfnisse der armen, vornehmlich schwarzen Kapstädter. „Wir versuchen, das reale Südafrika zu beschreiben, Vorurteile zu bekämpfen und für einen Ethos sozialer Verantwortung zu werben.
 
Wir haben jedoch eine sehr breite Leserschaft und versuchen auch zu unterhalten”, sagt Garner. So befassen sich die Artikel beispielsweise mit der Versorgungssituation der Townships  bezüglich Elektrizität und fließendem  Wasser, mit der Verschmutzung der Umwelt durch den internationalen Reiseboom, aber es finden sich auch Buch- und CD-Rezensionen im Heft. Die Mischung der Themen scheint zu stimmen: Das Magazin hat inzwischen eine Auflage von 16.000 Stück erreicht. Wenn es nach James Garner geht, soll das Blatt auch bald in anderen Städten wie Durban, East London oder Port Elisabeth verkauft werden, um auch dort hilfsbedürftigen Menschen durch eine Beschäftigung und ein erstes Einkommen wieder neue Perspektiven aus dem sozialen Abseits aufzuzeigen.
 
Im Falle des 47-jährigen Jakoef hat sich das Engagement der Mitarbeiter von „The Big Issue” gelohnt: Für ihn bedeutete der Beginn seiner Verkaufstätigkeit vor vier Jahren das Ende eines Lebens in Armut und Kriminalität. Geboren im geschichtsträchtigen District Six von Kapstadt wurde er 1966 mit seiner Familie in eines der Townships vor Kapstadt umgesiedelt als die Apartheid-Regierung sein Viertel zur weißen Zone erklärte. Viele verloren ihre Arbeitsplätze, hohe Kriminalität und Bandenkriege waren die Folge. Mit zwölf Jahren landete Jakoef zum ersten Mal im Gefängnis. Über die Jahre hinweg folgten weitere sechs Gefängnisaufenthalte wegen Einbruch, Raub und Autodiebstahl. Ingesamt 25 Jahre hat er schon hinter Gittern verbracht. „Ich wusste schon gar nicht mehr, wie das Leben außerhalb der Gefängnismauer aussieht. Jetzt genieße ich die Freiheit”, sagt Jakoef. Seine Vergangenheit hat auch äußerlich tiefe Spuren hinterlassen: Ein Tattoo hinter dem rechten Ohr zeugt von seiner ehemaligen Bandenzugehörigkeit zu den „Cape Town Skorpions”, seine Arme, die heute nicht mehr schwer tragen können, sind von Messerstechereien gezeichnet, und als ihm bei einer Bandenauseinandersetzung zwei Kugeln in das rechte Bein geschossen wurden, wäre er fast zum  Invaliden geworden.
 
Die Arbeit als Straßenverkäufer bedeutete für ihn einen neuen Lebensabschnitt. „Diejenigen, die ich früher ausgeraubt habe, unterstützen mich heute, indem sie mir das Magazin abkaufen oder Kleider spenden, und dafür bin ich sehr dankbar”, beteuert er. Vor etwaigen Rückfällen versuchen die Sozialarbeiter des Magazins zu schützen. Sie bieten psychologische und medizinische Hilfe an, aber versuchen auch mit Kursen zu wirtschaftlichen Themen und den Umgang mit Geld die Straßenverkäufer für ein für sie zumeist neues Leben vorzubereiten: Das Konzept lautet Hilfe zur Selbsthilfe. So kann die Verkaufstätigkeit bei „The Big Issue” ein Sprungbrett aus dem sozialen Abseits zurück in die Gesellschaft sein. „Allerdings ist es für viele Verkäufer schwer, mit ihrer meist kriminellen Vergangenheit einen Arbeitsplatz zu finden”, sagt James Garner.
 
Deshalb arbeiten viele Straßenverkäufer bis zu sechs Jahren und länger für „The Big Issue”. „Eigentlich sollte ein Verkäufer nicht länger als zwei Jahre bleiben, aber wir wollen niemanden zwingen, seinen Platz für andere zu räumen”. Auch Jakoef hat es schwer, langfristig einen anderen Arbeitsplatz zu finden. Seine berufliche Zukunft stellt er sich als Mitarbeiter in einer Reinigungsfirma, als Gärtner oder als Houseguard vor. Als Glaser hat er sich bereits versucht, „aber dadurch, dass ich nicht schwer heben kann, war ich für die Firma nutzlos”. Und so wird er wohl noch eine Weile als Straßenverkäufer für „The Big Issue” arbeiten, bis er sich vielleicht seinen großen Traum erfüllen kann: „Ein eigenes kleines Haus für mich und meine Familie.”
 
Weitere Informationen unter: www.bigissue.org.za
 
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