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Tafelberg

 
von Steffi Walther
Kapstadts großer Bruder - Der Tafelberg: Wahrzeichen, Weltnaturerbe, Wächter – und bald Weltwunder?
 
Der Tafelberg ist zweifelsohne Kapstadts Wahrzeichen. Majestätisch thront er über der Stadt, bewacht sie mit seinen breiten Schultern und beobachtet geduldig, was da unten so geschieht. Wie in die Arme eines großen Bruders schmiegt sich die Stadt an seine Ausläufer und sieht dabei andächtig zu ihm auf, als würde sie sagen: „Wie gut, dass ich dich habe!“ Heimat der San und Hoffnungsschimmer am Horizont Lange bevor der Berg zum Symbol und guten Geist der Kap-Metropole wurde, war er die Heimat der San, der Ureinwohner des südlichen Afrikas. Knochenfunde haben bewiesen, dass sie bereits vor 600.000 Jahren in dem Gebiet um den Tafelberg lebten. Sie nannten ihn Hoerikwaggo, den Meeresberg, weil es aus der Ferne so schien, als ob er sich wie eine Insel aus dem Meer erheben würde. Und im Grunde genommen war es auch so. Denn was sie sahen, war der flache Gipfel eines gewaltigen Massivs aus Sandstein und Granit, den tektonische Kräfte über Jahrtausende aus dem Ozean in die Höhe geschoben hatten.
 
Viele Jahrhunderte später zu Kolonialzeiten wurde der Berg für die Seemänner an Bord der holländischen Handelsschiffe zum Hoffnungsschimmer am Horizont. „Tafelberg!“ schrie stets der Matrose, der als erster das markante Profil des Berges in der Ferne entdeckte. Ganz nach seemännischer Tradition heimste er sich damit eine Flasche Wein und zehn Gulden ein – und garantierte sich die Sympathie seiner Gefährten. Denn die Überfahrt von Europa an die Südspitze Afrikas galt als ebenso strapaziös wie sie lang war, und die Mannschaft sehnte sich nach nichts mehr als dem Blick auf den Tafelberg, der ein vorläufiges Ende der monatelangen Reise verhieß.
 
Seinen heutigen Namen erhielt der tischförmige Felsklotz allerdings nicht von den Holländern, sondern von dem Portugiesen Admiral António de Saldanha. Dieser ankerte bereits 1503 in der Tafelbucht und erklomm als erste Europäer das flache Plateau des Berges. Er taufte ihn aufgrund seiner charakteristischen Form „Taboa do Cabo“, zu Deutsch: der Tisch am Kap. Die holländischen Siedler, die sich ab 1652 am Kap niederließen, übersetzten die Bezeichnung kurzerhand in ihre Sprache und voilá, von da an hieß der Gute Tafelberg.
 
Nationalpark und Weltnaturerbe mitten in der Stadt Der Tafelberg ist der nördliche Teil einer 52 Kilometer langen Gebirgskette, die sich vom Signal Hill im Herzen der Stadt über die gesamte Kaphalbinsel bis hin zum Cape Point im Süden erstreckt. Das 250 Quadratkilometer große Areal gehört zum Naturschutzgebiet des Table Mountain National Park (TMNP). Dieser wurde 2004 von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt und kann satte 4,2 Millionen Besucher im Jahr aufweisen. Und die kommen nicht nur wegen des Tafelbergs allein, denn der gesamte TMNP ist ein Eldorado für Naturliebhaber.
 
Fynbos, feiner Busch, nennt sich die typische Kap-Vegetation, die nur hier im äußersten Südwesten Südafrikas gedeiht. Aufgrund ihres immensen Artenreichtums von 8500 verschiedenen Gewächsen auf einer Gesamtfläche von nur 90.000 Quadratkilometern gilt sie als die kleinste und vielfältigste Flora der Welt. Rund 80 Prozent der Kap-Gewächse sind zudem endemisch, das heißt nirgendwo sonst auf der Welt zu finden. Allein 2300 Arten bereichern die Pflanzenwelt des TMNP, das sind mehr als in ganz Großbritannien.
 
Dazu zählt Südafrikas Nationalblume, die Königsprotea mit ihren handgroßen, silbrigrosa glänzenden Blüten. Außerdem blühen hier verschiedene Erika-Gewächse, prachtvolle Gladiolen und nicht zu vergessen die Lieblingsbalkonpflanze der Deutschen: die Geranie. Selbst Nicht-Botaniker werden sich hier verzückt umschauen und staunen. Aber aufgepasst, Pflücken ist verboten!
 
Was die Tierwelt des TMNP betrifft, so sind die einst hier heimischen Löwen, Nilpferde, Nashörner und Elefanten schon lange verschwunden. Der letzte Löwe wurde 1802 gesichtet. Dafür können die Besucher ganz andere Artgenossen zu Gesicht bekommen, wie zum Beispiel die niedlichen Klippschliefer, auch Dassies genannt. Es ist kaum zu glauben, dass diese kleinen Wollknäuel in genetischer Sicht die nächsten Verwandten der Elefanten sind. Außerdem ist der TMNP die Heimat von Pavianen, Mungos, Stachelschweinen und einer Vielzahl an Vögeln wie zum Beispiel dem Cape Sunbird mit seiner orangefarbenen Brust.
 
Mit etwas Glück läuft man vielleicht auch der ein oder anderen Antilope über den Weg. Neben der Flora und Fauna ist für viele Gäste der Tafelberg selbst immer noch die Hauptattraktion. 800.000 Besucher wurden allein im letzten Jahr gezählt. Sein Alter wird auf 260 Millionen Jahre geschätzt, damit hat er mehr Jahre auf seinem breiten Buckel als die Anden, der Himalaya und die Alpen. Über 1000 Meter ist er hoch, der Gipfel von Kapstadts Hauskoloss, der eigentlich einer gewaltigen Platte mit einer Größe von 9200 Fußballfeldern gleicht. Die höchste Erhebung darauf ist mit 1086 Metern der Maclear’s Beacon am nordöstlichen Ende. Eine aufgeschichtete Steinpyramide mit Gedenkplatte erinnert an jenen Th omas Maclear, der hier im 18. Jahrhundert astronomische Messungen vollzog und die genaue Höhe des Tafelbergs erstmals feststellte.
 
Der Berg ruft
 
Aber genug der Zahlen und Fakten. Wer den Berg wirklich kennen lernen möchte, muss hinauf. Und zwar am besten auf Schusters Rappen, denn das sei der einzige Weg, die Schönheit der Natur und die Macht des Berges zu erleben, so die Kapstädter über ihren Hausberg. Über 350 Wanderwege führen hinauf, einer schöner als der andere, und man muss kein Reinhold Messner sein, um ihn zu bezwingen. Für jeden ist etwas dabei: von einem gemütlichen, halbstündigen Rundgang auf dem Plateau über mehrstündige Aufstiege aus allen Himmelsrichtungen bis hin zur anspruchsvollen 6-Tagetour auf dem Hoerikwaggo Trail, einem Wanderweg vom Kap der Guten Hoff nung bis zum Tafelberg.
 
Aber Achtung: Dem Berg will gebührender Respekt gezollt werden. Denn viele Urlauber aber auch Einheimische unterschätzen den Aufstieg und steigen in Badelatschen, ohne Wasser oder bei schlechten Wetterbedingungen hinauf. Vielleicht liegt es daran, dass der Berg mitten in der Stadt liegt und von unten zum Greifen nah scheint. Dieser Irrglaube wurde schon vielen zum Verhängnis. Vor allem auf der „Rückseite“ des Bergs hat man sich ohne Führer oder Karte schnell verlaufen, und wenn dann auch noch Nebel aufzieht, was nicht selten vorkommt, ist es mit der Orientierung ganz vorbei. Jedes Jahr fordert der Berg so seine Opfer. In den vergangenen 100 Jahren kamen 95 Menschen ums Leben, unzählige mussten von der Bergrettung evakuiert werden. Besuchern sei daher empfohlen, sich nicht alleine, nur mit ausreichend Wasser, bei gutem Wetter und mit der richtigen Ausrüstung auf den Berg zu wagen. Oder besser noch: Man marschiert gleich mit einem ortskundigen Wanderführer los.
 
Eine Aussicht, die ihresgleichen sucht
 
Wer den Aufstieg geschaff t hat, wird mit einer Aussicht belohnt, die einem für einen Moment den Atem raubt. Die gesamte Tafelbucht mit Robben Island breitet sich in all ihrer Pracht vor einem aus, eingerahmt von Devil’s Peak zur Rechten und dem Lion’s Head zur Linken. In der Ferne zeichnen sich die spitzen Zacken der Helderberge ab, und die einem Flickenteppich gleichende Innenstadt mit ihren, wie es scheint, Puppenhäuschen und Spielautos liegt einem zu Füßen.
 
Läuft man ein Stück Richtung Westen, schaut man geradewegs die Bergkette der Zwölf Apostel entlang, an deren Ausläufer die schnieken Stadtteile Camps Bay und Bakoven liegen. Und im Süden lassen sich bei guter Sicht die False Bay und die restliche Kaphalbinsel erkennen. Wer sich den Aufstieg zu Fuß nicht antun will, der nimmt einfach die Seilbahn, das sogenannte Cable Car. Die Aussicht ist die gleiche, obwohl man gestehen muss, dass man sie noch ein bisschen mehr genießen kann, wenn man sie sich „erwandert“ hat.
 
Mit dem Cable Car wird man in weniger als fünf Minuten zum Gipfelstürmer, Wartezeiten zu Stoßzeiten nicht eingerechnet. Die Gondel rotiert um 360 Grad, so dass den 65 Besuchern schon bei der Fahrt eine Rundumsicht geboten wird. Bereits seit über 80 Jahren können sich Kapstadt-Urlauber von einer Seilbahn auf das Plateau tragen lassen. Geplant war eigentlich eine Bergbahn, aber nach fast 40-jähriger Planung und Beratung entschied man sich schließlich für eine Seilbahn. Das Cable Car wurde nach dreijähriger Bauzeit im Jahre 1929 eröffnet. Die erste Kabine bestand aus Holzplanken, war mit einem simplen Blechdach versehen und hatte nichts mit den beiden ultramodernen Gondeln von heute gemein.
 
Unter den insgesamt 20 Millionen Gästen, die seit Inbetriebnahme das Cable Car genutzt haben, waren auch zahlreiche berühmte Gäste, darunter der britische Adel, angeführt von Königin Elizabeth II und Prinz Andrew, und internationale Stars wie Tina Turner, Arnold Schwarzenegger, Paris Hilton und Michael Schumacher. Ja, sie alle lieben das Panorama vom Tafelberg.
 
Aber auch von unten ist er hübsch anzusehen. Bei guter Sicht kann man seine unverwechselbare Silhouette bereits aus 100 Kilometern Entfernung erkennen. Die prominenteste Sicht auf den Berg bietet sich aber vom Bloubergstrand. Wenn die Stadt hier Geld fürs Fotografieren kassieren würde, hätte sie nicht mehr mit angeblich leeren Kassen zu kämpfen. Fast jeder Besucher stoppt hier, um einige Fotos dieses weltberühmten Bildes zu schießen, das so irreal erscheint, dass man glauben könnte, vor einer gigantischen Fototapete zu stehen: Tafelberg frontal mit glitzernder Stadt und azurblauem Meer im Vordergrund.
 
Ganz besonders beliebt ist dieses Motiv, wenn der Tafelberg sein berühmtes Tischtuch aufgelegt hat. Oder er sich eine Decke über den Kopf gezogen hat, wie es manche Kapstädter ausdrücken.
 
Die Sache mit dem Tischtuch Viele Mythen ranken sich um den Berg am Kap. Die Geschichte um das legendäre Tischtuch ist dabei wohl die bekannteste. Ihr zufolge ist es das Resultat eines bis heute andauernden Rauchwettbewerbs zwischen dem starrköpfigen Piraten van Hunks und dem Teufel höchstpersönlich. Eine andere Legende besagt, dass die helle Wolkendecke von dem mächtigen San-Gott Mantis verursacht wird, der gelegentlich ein weißes Tierfell schützend über den Berg wirft.
 
Der eigentliche Grund für das Tischtuch- Phänomen sind aber vom offenen Meer kommende, feuchte Luftmassen, die der notorische Südost-Wind mit sich bringt. Diese prallen auf das Tafelbergmassiv und steigen auf. Dabei kühlen sie ab, kondensieren und bilden die bekannte Wolkenschicht, die sich auf der Frontseite des Berges in warmen Fallwinden in die Stadt ergießt und verdunstet. Der Südost-Wind tritt vor allem in den südafrikanischen Sommermonaten auf und kann Geschwindigkeiten bis zu 130 Stundenkilometern erreichen. Alles, was dann nicht niet- und nagelfest ist, fliegt durch die Straßen und Gassen der Stadt, und das können auch schon mal Mülltonnen und Schilder sein. Der Wind bläst allerdings auch den Smog und Dreck davon und wird daher von den Kapstädtern als „Cape Doctor“, also Kap-Arzt, bezeichnet.
 
Ehre, wem Ehre gebührt Der Tafelberg ist das einzige Naturwunder auf der Welt, nach dem eine Sternenkonstellation benannt ist. Mitte des 18. Jahrhunderts studierte der französische Astrologe Nicolas Louis de Lacaille den Nachthimmel der südlichen Halbkugel vom Gipfel des Tafelbergs aus und benannte das von ihm entdeckte Sternenbild Mensa nach dem Berg. Was für eine Ehre!
 
Bald könnte dem Kap-Berg noch eine viel größere Ehrung zu Teil werden: Bei der Wahl der sieben Naturweltwunder der heutigen Zeit ist der Tafelberg unter den 28 Finalisten. Zur Auswahl standen 440 Naturphänomene, und der Tafelberg konnte sich bisher gegen so spektakuläre Attraktionen wie den Mount Everest im Himalaya, die Atacama Wüste in Chile und Sossusvlei in Namibia durchsetzen. Der Gewinner des Wettbewerbs, der von der Schweizer New7Wonders Foundation veranstaltet wird, wird im nächsten Jahr gekürt.
 
Und mit etwas Glück und Ihrer Mithilfe wird Kapstadts großer Bruder bei den glorreichen Sieben dabei sein.
 
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