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Strippenzieher

 
von Hendrik Muellenberg
Unterfranke im Hintergrund
Max Grünewald ist von Berufs wegen Strippenzieher. Genauer: Teammanager des Fußballvereins Ajax Cape Town. Ein Arbeitsbericht.
 
8:30 Uhr: Anfahrt
Entspannt sitzt Max Grünewald in seinem dunkelblauen Jeep, dessen Innenraum mit beigefarbenem Leder ausgestattet ist. Auf dem Weg zum Trainingsgelände von Ajax Cape Town piept kontinuierlich sein wichtigstes Arbeitsgerät, das neben dem Schaltknüppel auf der Ablage liegt: Ein Mobiltelefon, das, wie Grünewald berichtet, auch E-Mails empfangen kann. Die Garderobe des 28-Jährigen korrespondiert mit seinem elegant- sportlichen Vehikel: spitze Lackschuhe, Anzughose, weißes Hemd und eine Sonnenbrille, die seine grünen Augen verbirgt. Grünewalds Fahrstil ist sicher und selbstbewusst – die Strecke von seiner Wohnung im Kapstädter Stadtteil Gardens zum 20 Kilometer entfernten Ajax-Areal in Parow hat er schon häufig zurückgelegt. Seit zwei Jahren ist der Unterfranke als Team-Manager bei Ajax Cape Town beschäftigt. Sein Berufseinstieg in der südafrikanischen Mutterstadt ähnelt dem so vieler junger europäischer Kap- Bewohner, deren Karriere hier oft mit einem Praktikum beginnt. Auch Grünewald war zunächst Praktikant in der Marketingabteilung von Ajax Cape Town, bevor ihm sein jetziger Job offeriert wurde. „Wegen meiner strukturierten Arbeitsweise und meiner höflichen Art“, wie er während der Fahrt auf der Autobahn N1 berichtet. Als Grünewald den Blinker zur Ausfahrt Parow setzt, weist er auf den anstrengenden Arbeitstag hin, der nun vor ihm liegt. In seiner Funktion als Teammanager muss er heute dafür sorgen, dass die Mannschaft von Ajax Cape Town zum morgigen Auswärtsspiel gegen die Kaizer Chiefs pünktlich im Stadion aufläuft.
 
9:00 Uhr: Arbeitsbeginn
„Hallo German!“, begrüßt im Vorbeigehen Gavin Benjafield, seines Zeichens medizinischer Leiter bei Ajax, den jungen Teammanager. Dieser hat schon nach wenigen Minuten an seinem aufgeräumten Schreibtisch zum Telefonhörer gegriffen und ist jetzt in ein Gespräch mit der Klub-Sekretärin verwickelt. Grünewald teilt sich ein großräumiges Büro mit den anderen Mitgliedern des „Technical Staff“, zu dem auch der Cheftrainer Foppe de Haan gehört. Der holländische Fußballlehrer sitzt gerade auf seinem Stuhl und blättert gelangweilt in einem Buch, während Grünewald schon den nächsten Anruf tätigt. Er hat jetzt Benjafield in der Leitung und bittet ihn um einen Besuch in seinem Büro, damit der Ablaufplan für die folgenden drei Tage diskutiert werden kann. „Kommst Du zu mir?“, fragt Grünewald den Mediziner des Vereins, um dann hinterher zu schieben: „Dann aber schnell, ich habe einen vollen Terminplan heute!“ Grünewald spricht zügig. Das hat etwas Forsches. Zu Missverständnissen kommt es bei dem studierten Betriebswirtschaftler wohl eher selten. „Max ist sehr professionell. Manchmal hat er nur seine Schwierigkeiten damit, bereits geplante Dinge wieder zu ändern – eben weil er sie so gut geplant hat“, beschreibt Benjafield die Arbeitsweise des gebürtigen Aschaffenburgers.
 
9:30 Uhr: Telefonate
Jetzt ist es der Busfahrer von Ajax, der von Grünewald Instruktionen für den morgigen Tag erhält. Kaum ist das Telefonat beendet, wählt Grünewald eine neue Nummer. Nun spricht der Teammanager mit der Rezeptionistin des Mannschaftshotels in Johannesburg. Die Dame scheint sehr sympathisch zu sein, denn sie zaubert Grünewald während des Gesprächs ein konstantes Lächeln auf die Lippen. „Wäre es möglich, dass die Schlüssel der Zimmer für uns zur Verfügung stehen, bevor wir das Hotel erreichen?“, fragt Grünewald vorsichtig. Dann hört man von ihm noch ein „Sehr gut.“ Und anschließend: „Ob die süß sind? Klar sind die süß!“, teilt er lachend seiner Gesprächpartnerin mit, die reges Interesse an den Spielern von Ajax Cape Town zu haben scheint. Es sind solche Momente, bei denen unverkennbar ist, wie viel Freude Grünewald an seinem Beruf hat. Doch auch bei einem Teammanager scheint sich manchmal der graue Arbeitsalltag einzuschleichen, selbst wenn man in einem Land arbeitet „in dem andere Urlaub machen“. Das Reisen sei schon schön, sagt Grünewald, „aber letztlich sind die Abläufe immer die gleichen: Flughafen, Hotel, Stadion und zurück.“ Deshalb kann er sich auch eine andere Aufgabe bei Ajax oder einem europäischen Verein vorstellen, nachdem sein Vertrag 2011 ausläuft. Im Marketing beispielsweise: „Das wäre schon interessant. Gerade bei einem so jungen Verein wie Ajax, der so ein enormes Potenzial hat.“
 
11:00 Uhr: Kabinen-Visite
Sportliche Verantwortung trägt Grünewald bei Ajax Cape Town nicht. Vielmehr schafft er optimale Rahmenbedingungen, welche die Mannschaft zu sportlichen Höchstleistungen beflügeln sollen. Er arbeitet im Hintergrund – ein Strippenzieher. Der jungen Mannschaft soll alles abgenommen werden. Darum erhebt sich Grünewald jetzt auch von seinem Arbeitsplatz und bewegt sich rasch in die verwaiste Spielerkabine, während die Mannschaft draußen schon seit einer Stunde trainiert. Auf jeden Umkleideplatz legt er einen Zettel, der die Spieler über das Programm der nächsten drei Tage informieren soll. Jeder Tag ist bis ins kleinste Detail durchgeplant. Sogar über den Dresscode werden die Kicker in Kenntnis gesetzt. Wer etwa zu spät oder falsch angezogen zum Abendessen erscheint, wird dies nicht mit der Ausrede der Ahnungslosigkeit rechtfertigen können. Eine Disziplinarstrafe droht dann in jedem Fall. Darüber scheint auch der 66-jährige Cheftrainer de Haan streng zu wachen, zumindest lässt sein Äußeres dies vermuten. Der Niederländer runzelt oft mit der Stirn und wirkt mit seiner randlosen Sehhilfe sowie dem ergrauten Haupthaar wie der Prototyp des hartherzigen Fußball-Ausbilders. Doch nach Grünewald befragt, wird dieser Eindruck . „Er hat Sinn für Humor – für mich als Holländer ist das natürlich besonders wichtig“, plaudert der Trainer mit einem Augenzwinkern freimütig.
 
12:45 Uhr: Unterschriftenaktion
Eine Portion Frohsinn gehört zu Grünewalds Profession dazu. Das gilt insbesondere im Umgang mit den Ajax-Spielern, die kleine Sticheleien von dem Deutschen offenbar erwarten. So wie jetzt, wenn der Unterfranke beim Ausparken seines Autos absichtlich den Kleinwagen eines Ajax Spielers schneidet, um danach triumphierend das Vereinsgelände zu verlassen. Der Teammanager ist nun auf dem Weg zu einer Unterschriften-Aktion des Ausrüsters von Ajax Cape Town. Für den offiziellen Termin hat Grünewald extra ein schwarzes Jackett übergestreift, dessen rechtes Revers ein goldener Ajax-Anstecker ziert. Nach der Aktion bittet der Sponsor noch zum Mannschaftsfoto. Selbstverständlich gesellt sich Grünewald dafür zu seinem Team und versucht gleichzeitig dem Fotografen einen Gefallen zu tun, indem er die Spieler anweist, sich in Reih und Glied aufzustellen.
 
15:00 Uhr: Ruhe
Zurück im leeren Büro, das vorher so hoch frequentiert war. Nichts als das leise Surren der Klimaanlage ist jetzt zu vernehmen. Die Stille wird durch das klickende Geräusch unterbrochen, das Grünewald verursacht, weil er die Tastatur des Telefons traktiert. Er spricht mit einer Mitarbeiterin der Fluggesellschaft, die für den morgigen Flug nach Johannesburg Plätze in der ersten Reihe für den Trainerstab reservieren soll. Die Spieler liegen inzwischen längst am Strand in Camps Bay oder vergnügen sich anderweitig. Nicht so Grünewald, der um diese Zeit am liebsten arbeitet, weil ihn keiner stört. „Jetzt kann ich in Ruhe alles erledigen.“
 
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