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Helen Zille

 
von Steffi Walther
Die beste Bürgermeisterin der Welt über Kapstadt, die WM und ihre deutschen Wurzeln
 
Kapstadt.com: Frau Zille, zunächst möchten wir Ihnen noch zur Auszeichnung als weltbeste Bürgermeisterin gratulieren, die Sie im Oktober 2008 von der Organisation City Mayors verliehen bekommen haben. Sie sind sicher stolz darauf, dass nicht nur Südafrika, sondern auch der Rest der Welt Ihre Arbeit schätzt und anerkennt.
 
Helen Zille: Die Auszeichnung war eine Teamleistung und hat ohne Zweifel jeden in der Stadtregierung gefreut und angespornt. Ich bin auch froh darüber, dass dieser Preis dazu beigetragen hat, das Interesse von Touristen und Investoren auf unsere Stadt und das, was sie zu bieten hat zu lenken. Aber eine solche Auszeichnung hat natürlich auch neue Herausforderungen für mich aufgeworfen, da die Öffentlichkeit nun so viel mehr von mir erwartet. Es ist eine ziemliche Verantwortung diesem Titel gerecht zu werden.
 
Kapstadt.com: Seit Ihrem Amtsantritt im März 2006 haben Sie viel erreicht. Was war bisher Ihre größte Herausforderung und worauf sind Sie besonders stolz?
 
Helen Zille: Eine der größten Herausforderungen war es sicher, die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Gang zu halten. Bisher waren wir damit erfolgreich, aber es hat eine Menge harte Arbeit und Kreativität erfordert – vor allem im Bereich der Finanzierung. Zu Beginn der internationalen Kreditkrise hatten wir mit deutlichen Preissteigerungen für Bauarbeiten und -materialien zu kämpfen, die sogar unsere beträchtlichen Rücklagen überstiegen. Zudem war es nicht immer einfach, die strikten Zeitpläne einzuhalten. Ein anderer Bereich, der mich sehr erfreut, ist der Anstieg der Wohnbauförderung für die Ärmsten der Armen, die sich gegenüber der ersten Hälfte des Finanzjahrs 2007/8 in den letzten sechs Monaten verdoppelt hat. Auch im Tagesgeschäft der Verwaltung zeigt sich ein positiver Trend und Ausschreibungen, Baugenehmigungen und Anträge werden effizienter bearbeitet.
 
Kapstadt.com: Als Politikerin müssen Sie sich permanent erklären und rechtfertigen. Und trotz all Ihrer Erfolge müssen Sie auch Rückschläge und Kritik hinnehmen. Wie halten Sie dem Stand? Was motiviert Sie? 
 
Helen Zille: Viele Dinge: Zum einen meine absolute Hingabe für unser politisches Projekt, eine überlebensfähige Demokratie zu schaffen, zum anderen mein fester Glaube an die Fähigkeit Südafrikas und seine Menschen, dies erreichen zu können und nicht zu vergessen mein engagiertes und motiviertes Team.
 
Kapstadt.com: Kapstadt ist unbestritten eine der schönsten Städte der Welt, was nicht zuletzt an der einzigartigen Natur und Vegetation liegt. Was denken Sie macht die Stadt abgesehen davon so attraktiv?
 
Helen Zille: Ihre unglaubliche Vielseitigkeit. Die Stadt ist ein Paradebeispiel dafür wie Menschen verschiedenster Kulturen und Hintergründe auf friedliche Weise nebenund miteinander leben können und wie im Zuge dessen ein buntes und interessantes Lebensumfeld geschaffen wird.
 
Kapstadt.com: Was ist Ihrer Meinung nach Kapstadts größtes Kapital? Und größtes Problem?
 
Helen Zille: Kapstadts Kapital liegt in den herausragenden Touristenattraktionen und der Tourismusindustrie von Weltruf – mit Top-Hotels und erstklassigen Restaurants. Außerdem haben wir vier renommierte Hochschulen in nächster Nähe und eine wachsende Industrie in den Bereichen Informationstechnik, Finanzdienstleistungen und Business Process Outsourcing. Diese Faktoren beweisen, dass wir das Potenzial haben, eine starke Position in der globalen Knowledge Economy, der internationalen Wissensgesellschaft, einnehmen zu können. Zu kämpfen haben wir dagegen mit Kriminalität, Arbeitslosigkeit und dem Mangel an adäquater Behausung für die arme Bevölkerung in manchen Gebieten.
 
Kapstadt.com: Sie sprechen von Kriminalität. Viele Menschen im Ausland denken nach wie vor, Südafrika sei für eine Reise zu gefährlich. Wie sehen Sie das?
 
Helen Zille: Nur wenige der Schwerverbrechen sind an Touristen gerichtet. Wir haben so gut wie keine Straftaten an den Haupttouristenattraktionen verzeichnet. Häusliche Gewalt, Bandenkriege und Drogenkriminalität machen den Großteil der Hauptverbrechen aus. Die Kriminalität gegenüber Touristen beschränkt sich auf kleine Delikte, die ganz einfach durch Wachsamkeit vermieden werden können. Die Statistiken beweisen, dass die Kriminalitätsrate in vielen Bereichen gesunken ist, so zum Beispiel sind die Vergehen in Kapstadts Innenstadt von 2001 bis heute um 90 Prozent zurückgegangen – dank der Zusammenarbeit von Geschäften, Privatleuten, der Stadt und der Polizei. Touristen sollten lieber Gebiete mit einem hohen Kriminalitätsrisiko meiden als Südafrika als Ganzes.
 
Kapstadt.com: Was erhoffen Sie sich für Kapstadt und Südafrika?
 
Helen Zille: Ich sehe Kapstadt zu einer prosperierenden Wirtschaft heranwachsen, die mehr Arbeitsplätze schafft und dadurch Entwicklungsprobleme wie die mangelhafte Wohnsituation der armen Bevölkerung in den Griff bekommt. Das erhoffe ich mir auch für ganz Südafrika. In politischer Hinsicht wünsche ich mir, dass Südafrika seine konstitutionelle Demokratie festigen kann, indem das Land es schafft, seinen Kopf aus der Einparteienstaat-Schlinge zu ziehen. Ist Südafrika erst eine Mehrparteiendemokratie, werden die Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sowie die Verwaltungsinstitutionen um ein Vielfaches gestärkt.
 
Kapstadt.com: Wo sehen Sie Kapstadt in zehn Jahren?
 
Helen Zille: Wenn wir so weitermachen wie bisher, bin ich davon überzeugt, dass Kapstadt Afrikas führende Stadt sein wird.
 
Kapstadt.com: Die Deutschen lieben Fußball. Wie sieht es mit Ihnen aus? Sind Sie ein Fußballfan? Oder ziehen Sie Rugby vor?
 
Helen Zille: Ich verfolge sehr gerne die Fußballweltmeisterschaft und auch die wichtigen Spiele unserer lokalen Teams lasse ich mir nicht entgehen. Ich schaue aber auch gerne Rugby, vor allem wenn mein Sohn spielt.
 
Kapstadt: Waren Sie bei der WM 2006 in Deutschland?
 
Helen Zille: Nein, leider nicht.
 
Kapstadt.com: Die Vorbereitungen für den Mega-Event gehen also gut voran?
 
Helen Zille: Wie schon erwähnt läuft alles nach Plan, aber für Verzögerungen und Fehltritte ist keine Zeit.
 
Kapstadt.com: Was denken Sie, welchen Einfluss wird die WM auf Kapstadt, Südafrika und die Bevölkerung haben?
 
Helen Zille: Die WM wird uns internationale Berichterstattung verschaffen, die sich meiner Meinung nach positiv auf die Tourismusindustrie auswirken wird. Wird die WM ein Erfolg, wird es auch das Interesse und Vertrauen der Investoren stärken. Kapstadts Bürger und Wirtschaft haben schon jetzt von den Investitionen in die neue Infrastruktur profitiert. Zehn Millionen Rand wurden bereits in ein neues Transportsystem und das neue Stadion investiert.
 
Kapstadt.com: Was sollte jeder Gast Ihrer Meinung nach unbedingt in Kapstadt besuchen?
 
Helen Zille: Alle Hauptattraktionen: Das Kap der Guten Hoffnung, den Tafelberg,  ein Township auf einer geführten Tour, die Strände, die V&A Waterfront etc. Besucher sollten sich aber auch Zeit nehmen, die Einheimischen und ihre Traditionen kennen zu lernen, wie zum Beispiel Roti und Gatsby (traditionelle südafrikanische Gerichte). Und ein malaiisches Curry mit Huhn oder Lamm sollte auch jeder Besucher probiert haben.
 
Kapstadt.com: Und kaufen?
 
Helen Zille: Authentische afrikanische Kunst, südafrikanische Musik, Keramik von unseren Township-Projekten und auf jeden Fall Weine aus der Kap-Region.
 
Kapstadt.com: Welches Souvenir sollte jeder Kapstadt-Besucher mit nach Hause nehmen?
 
Helen Zille: Eine Vuvuzela (eine südafrikanische Fußballtröte)!
 
Kapstadt.com: Sie haben deutsche Vorfahren, einer davon ist Ihr Großonkel, der berühmte Berliner Künstler Heinrich Zille. Haben Sie immer noch Familie in Deutschland?
 
Helen Zille: Ich habe entferne Verwandte dort, aber meine Familie lebt hier in Südafrika.
 
Kapstadt.com: Sie sprechen neben Englisch auch Afrikaans und Xhosa. Wie sieht es mit Deutsch aus?
 
Helen Zille: Ich spreche Deutsch, aber ich muss gestehen, ich bin etwas eingerostet.
 
Kapstadt.com: Was gefällt Ihnen an Deutschland am besten?
 
Helen Zille: Die Architektur, die bewegte Vergangenheit, die großen Denker wie zum Beispiel Karl Popper.
 
Kapstadt.com: Frau Zille, vielen Dank fuer das Interview.
 
Helen Zille: Es war mir ein Vergnügen. Ich hoffe, Ihre Leser werden nächsten Jahr selbst nach Südafrika kommen, um das Ergebnis der WM-Vorbereitungen mit eigenen Augen zu sehen.
 
AdR: in der Zwischenzeit wurde Helen Zille zur Landeshauptfrau des Western Capes gewaehlt
 
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