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Metzgermeister Loibl

 
Deggendorfer Metzgermeister ist mit seiner Familie ausgewandert - 160 000 Deutsche kehrten 2005 dem Land den Rücken
Was früher nur etwas für Abenteurer und Manager war, ist heute selbst für kleine Leute nicht mehr undenkbar: 160 000 Menschen haben im vergangenen Jahr Deutschland verlassen und ihr Glück im Ausland gesucht. Was sie treibt, sind nicht das große Geld und das Abenteuer. Was sie treibt, ist die Hoffnung auf Arbeit. Als sich der Deggendorfer Metzgermeister Franz Loibl vor gut zwei Jahren entschied, mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen nach Südafrika auszuwandern, zögerte er nicht lange. Er hatte auf der Homepage der Arbeitsagentur das Inserat einer deutschen Fleischfabrik in Johannesburg gesehen und sich gleich beworben. Beim Probearbeiten war ihm schnell klar: „In Südafrika habe ich beruflich bessere Perspektiven als im Bayerischen Wald.“
 
Zu Hause liefen die beiden Metzgerei-Filialen in Schöllnach und Deggendorf immer schlechter. Zuerst machten ihm die Supermärkte Konkurrenz, dann bestellten die Firmen immer weniger betriebliche Brotzeiten und dann kam auch noch die Billig-Konkurrenz aus Tschechien, die die Preise unterbot. Franz Loibl (40) ging nach den drei Monaten Probearbeit gar nicht mehr erst zurück nach Deggendorf, sondern holte seine Frau Lisa und die beiden Söhne Konstantin (8) und Leo (3) zu sich in den Sonnenschein.
 
Im vergangenen Jahr machten es 160 000 Deutsche wie Franz Loibl und kehrten Deutschland den Rücken. Das sind mehr als drei Mal so viele Menschen wie Passau Einwohner hat und ist die höchste Zahl an Auswanderern seit dem Zweiten Weltkrieg. Die offizielle Statistik erfasst nur diejenigen, die ordnungsgemäß ihren Wohnsitz abgemeldet haben. „Das tun sehr viele aber nicht“, sagt Klaus Bade, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien Osnabrück. Die Dunkelziffer wird daher von Experten auf 250 000 geschätzt. Das wären 700 pro Tag.
 
Viele melden sich nicht ab, weil sie sich ein Hintertürchen offen lassen wollen. Sie wissen nicht, was sie im Ausland erwartet. Sie sind unsicher, weil sie nicht aus Abenteuerlust gehen, oder weil eine deutsche Firma sie geschickt hat, sondern weil sie auf Arbeitssuche sind. „Hauptgrund sind die schlechten Chancen am Arbeitsmarkt“, sagt Bade. Die Arbeitsagentur hat das Beratungsangebot ihrer Auslandsstelle (ZAV) ausgebaut und die Vermittlungszahlen steigen seit dem Jahr 2004 in ungeahnte Höhen.
 
Je höher die Arbeitslosenquote einer Region, desto höher ist das Auswanderungspotenzial. Weit mehr als die Hälfte der Vermittlungen der ZAV sind Ostdeutsche, bestätigt ZAV-Direktorin Monika Varnhagen. „Problematisch ist, dass die Höher- und Höchstqualifizierten weggehen und im Ausland bleiben. Wer weggeht, sind die Entschlussfähigen, die Risikobereiten, die Starken“, sagt Migrationsforscher Bade. Und das ist kein „Die Risikobereiten und Starken gehen weg“ gutes Signal für den deutschen Arbeitsmarkt, denn auf diese Weise wandert Schritt für Schritt Fachwissen aus Deutschland ab.
 
„Für den Einzelnen mag es positiv sein auszuwandern, für den Standort Deutschland ist die Bilanz eindeutig negativ“, sagt Sozialpolitiker Dr. Martin Werding vom Münchner ifo-Institut. Als besonders alarmierend sieht er, dass inzwischen viele Arbeitslose auswandern: „Das hat es zuvor nie gegeben. Es zeigt, dass Arbeitslosigkeit mittlerweile in gut qualifizierte Schichten hineinreicht. Wir müssen dringend am Arbeitsmarkt etwas tun.“ Im Ausland werden die deutschen Fachkräfte mit offenen Armen empfangen. Ob in der Schweiz als Maurer, in den Niederlanden als Dachdecker oder in England als Krankenschwester - die deutsche Ausbildung genießt einen guten Ruf. Australien hat gar im vergangenen Sommer mit einer groß angelegten Kampagne versucht, deutschen Facharbeitern Down Under schmackhaft zu machen.
 
Auch Franz Loibls Chef in Johannesburg suchte gezielt nach einem deutschen Metzgermeister, weil er weiß, dass die ihr Handwerk können. Loibl arbeitet heute als Produktionsleiter in der Fleischfabrik. Sein Chef war selbst ein Auswanderer der „alten Generation“, der mit 23 wegging, um Abstand von der Motorrad-Clique zu bekommen und etwas Neues zu sehen. Neues gibt es in Südafrika für einen Bayerwaldler zur Genüge - nur nicht alles ist reizvoll. Einerseits genießt Lisa Loibl die Sonne und das große Haus, Franz Loibl macht die berufliche Herausforderung Spaß, beide freuen sich, dass die Kinder zweisprachig aufwachsen. Andererseits müssen sie in der Freizeit Abstriche machen. Franz vermisst das Skifahren, Lisa, dass sie nicht einfach mal kurz zu ihren Freundinnen auf einen Kaffee gehen kann. „Die Frauen hier sind ganz anders aufgewachsen, da gibt es nicht so viele Gemeinsamkeiten“, sagt sie. Überhaupt ist „einfach mal schnell da und dort hinfahren“ aus dem Wortschatz gestrichen.
 
Damit ihr Sohn Konstantin einen Klassenkameraden aus der deutschen Schule sehen kann, fährt sie ihn bis zu zwei Stunden ans andere Ende der Millionenmetropole. „Die Südafrikaner gehen auch nicht einfach mal so in eine Bar. Man trifft sich zu Hause“, sagt Lisa. Und das Zuhause ist hinter Zäunen und Gittern. „Wir sitzen irgendwie schon im goldenen Käfig“, meint Franz Loibl. Auch sein Arbeitsplatz, die Fleischfabrik, ist eine kleine Festung, streng abgeschirmt von außen und gut mit Kameras überwacht von innen. „Am Anfang habe ich mich in der Arbeit wirklich schwer getan. Die Arbeitsmoral ist ganz anders und es dauerte bestimmt einen Monat, bis ich von den Arbeitern anerkannt wurde.“ Die Stimmung ist inzwischen gut. Die Arbeiter scherzen und helfen sich gegenseitig bei der Arbeit.
 
Loibl hat sich gut eingewöhnt, nur ein kleines bayerisches Fähnchen auf seinem Schreibtisch zeugt von seiner Heimatliebe. Und davon bekommen auch die Südafrikaner ein kleines Stück ab: Seit Franz Loibl da ist, gibt es jede Woche frische Weißwürste und der Leberkas hat die obligatorische Kruste.
 
PS: Kapstadt ist im Gegensatz zur Goldmetropole eine Stadt ohne Festungen. Im Durchschnitt gehen Kapstädter 3 mal wöchentlich aus.