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District 6 - Eine unendliche Geschichte
 
Datum: 16.09.2015
Von: Johannes Huland

Das Gebiet von District 6 erinnert bis heute an die Umsiedlungen während der Apartheid. Seit Jahren soll es wiederbesiedelt werden, doch der Fortschritt ist kaum spürbar.

Wer vom Flughafen kommend die M3 stadteinwärts fährt, sieht auf Höhe von Vredehoek und dem Devil's Peak auf der rechten Seite eine große Brachfläche inmitten von besieltem Gebiet.


Was auf den ersten Blick wie Baufläche aussieht, hat eine traurige Geschichte hinter sich und blickt in eine ungewisse Zukunft.

Es handelt sich um den berüchtigten Dsitrict 6. Dieses Viertel war ursprünglich ganz ähnlich wie Woodstock ein multiethnisches Zentrum in Stadtnähe, welches sich durch seine kulturelle Vielfalt auszeichnete.

Durch die vielen verschiedenen Einflüsse der Bewohner entwickelte sich hier beispielsweise eine bunte Musikszene, die unter anderem durch Jazz-Einflüsse gekennzeichnet war. Livemusik und Tanz waren Teil des Alltags.

 

1968 begann die südafrikanische Regierung im Rahmen des sogenannten "Group Areas Act" damit, das Viertel umzusiedeln und dem Erdboden gleich zu machen.

Begründet wurde dieser Schritt damit, dass das Viertel zu einem Slum geworden war und Kriminalität und Schmutz Überhand genommen hätten.

Joe Schaffers, ein ehemaliger Bewohner des Viertels und heute Mitarbeiter des District Six - Museums, bestreitet diese Aussage. "Die Kriminalität war vorhanden, aber nicht vollkommen überdurchschnittlich. Die Regierung hat bewusst nichts für das Viertel getan und die Zustände damit künstlich verschlechtert."

Damit schuf sie sich selbst die Rechtfertigung, bis in die 80er Jahre hinein etwa 60000 Menschen primär nach Cape Flats umzusiedeln, um das Gebiet von District 6 in eine "Whites Only" Area umzuwidmen. Stadtnahe Lage, gute Verkehrsanbindung, die Gegend ist bestes Baugebiet. 

 

Durch die Umsiedlung wurde eine ganze Gemeinschaft zerstört. Nachbarn wurden getrennt umgesiedelt, und teilweise auch an unterschiedliche Orte gebracht.
Auf diese Weise wurden nicht nur Freundschaften auseinander gerissen und das kulturelle Leben zerstört, auch das Leben viele Bewohner wurde komplizierter.

Denn nun mussten sie aus den Außenbezirken Kapstadts beschwerlich pendeln, was für sie höhere Kosten und längere Arbeitswege bedeutete. Viele konnten sich diesen Mehraufwand nicht leisten und so stieg auch die Arbeitslosigkeit.

 

Das Gebiet wurde jedoch nie wirklich besiedelt. Aufgrund anhaltender Proteste und dem langwierigen Prozess der Umsiedlung wurde District 6 zu Brachland inmitten der Stadt, einer Narbe der Geschichte.

Die einzige nennenswerte Bebauung war der Bau eines Campus für die heutige Cape Peninsula University of Technology, damals Cape Technikon. Weiterhin wurden einige Bereiche an andere Bezirke angekoppelt, was zu einer nachhaltigen Veränderung des ursprünglichen Gebiets führte.

 

Und auch nach dem Ende der Apartheid wurde das Gebiet nicht ohne Weiteres wiederbesiedelt. Erst 2003 wurden die ersten Häuser neu gebaut und einige der ehemals Vertriebenen konnten in ihre Heimat zurückkehren.

Seitdem ist jedoch wenig passiert. Durch die partiellen Angliederungen des Bezirks an andere Gebiete und dem Bau des Campus ist viel Fläche verloren gegangen. Dennoch möchten alle ehemaligen Bewohner bzw. deren Nachfahren einen Wohnplatz erhalten.

Die zuständigen Stellen sind jedoch aus verschiedenen Gründen überfordert. Das Viertel muss von Grund auf neu gebaut werden, also auch Infrastruktur und Versorgungsleitungen. Weiterhin steht immer noch nicht fest, wieviele Siedler überhaupt kommen und wo sie untergebracht werden. Außerdem scheitern ein Vorankommen immer wieder an finanziellen Engpässen der zuständigen Stellen. Die Probleme bedingen sich gegenseitig und sorgen so immer wieder für große Verzögerungen.

 

Joe Schaffers ist dennoch zuversichtlich, dass der Prozess sich für alle positiv entwickelt. Auch er kritisiert den langsamen Verlauf des Wiederaufbaus und die bürokratischen Hürden, die teilweise errichtet werden. Allerdings ist er sich sicher, dass viele der Vertriebenen und ihrer Nachfahren wieder zurückkehren können.

Eine Beschleunigung des Prozesses und mehr finanzielle Mittel erwartet er allerdings auch nicht. Bevor District 6 wieder aufersteht, werden vermutlich noch mehr als zehn Jahre vergehen.

 

Und selbst dann ist die Geschichte des Bezirks nicht vorbei, denn durch die optimale Wohnlage droht auch hier, ähnlich wie im angrenzenden Woodstock, eine Gentrifizierung. Die Stadtverwaltung hat dieses Problem bereits erkannt und eine Verkaufssperre eingerichtet. Bewohner des Bezirks dürfen ihre Häuser erst 15 Jahre nach Einzug weiterverkaufen. Dadurch wird das Problem zwar nur verzögert, aber für Schaffers ist die Gentrifzierung insgesamt weniger besorgniserregend. Für ihn gehört sie zur Entwicklung moderner Städte und birgt auch gute Seiten. Ihm ist es viel wichtiger, dass District 6 endlich wieder mit Leben gefüllt und altes Unrecht wieder gut gemacht wird.

 

Die Hoffnung, dass er recht behält. Allerdings wird die Narbe, die die Apartheid hinterlassen hat, niemals vollständig verschwinden.

 


Für mehr Informationen zu der Geschichte von District 6 empfiehlt sich ein Besuch im District Six-Museum in der 25A Albertus St & Buitenkant Street.
Es ist Montags bis Samstag von 9-16 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 45 Rand für geführte Touren und 30 Rand für Individualbesucher.

www.districtsix.co.za