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Gentrifizierung in Kapstadt - Problem oder Chance?
 
Datum: 03.09.2015
Von: Johannes Huland

Viele Gegenden in Kapstadt gelten zunehmend als Trendviertel und ziehen neue Bewohner und Investoren an. Das hat jedoch weitreichende Folgen für die ärmeren Teile der Bevölkerung.

Samstagvormittag in Woodstock.  In der Old Biscuit Mill findet der wöchentliche Neighbourgoods Market statt. Eine umfangreiche Auswahl an frischen Speisen und Getränken, Galerien und buntem Volk lockt hier jeden Samstag Hunderte von Kapstädtern auf das ehemalige Fabrikgelände. Ein Paradies für Jung und Alt, so vielfältig wie Kapstadt selbst.

 

Woodstock ist das einzige Viertel, das den Group Areas Act aus den 50er-Jahren ohne Umsiedlung überstehen konnte, während beispielsweise der angrenzende District 6 zum "Whites Only" Gebiet deklariert wurde.

So konnte sich hier in zentraler Lage ein multikulturelles Milieu herausbilden, welches nach und nach kreative junge Unternehmen, Restaurants und Künstler angezogen hat. Das Viertel ist bunt und facettenreich geworden und gilt heute als typisches Trendviertel in Stadtnähe.

Doch ist das alles nur schöner Schein? Woodstock kämpft seit Jahrzehnten mit hohen Kriminalitätsraten, Armut und Müll. Ein Blick hinter die buchstäbliche Kulisse der Old Biscuit Mill offenbart die Kontraste, die hier den Alltag bestimmen. An einem Durchgang zum Innenhof des Geländes sitzt eine Frau mit ihrem Baby und bettelt, während nur ein paar Meter weiter teure Galerien und Geschäfte ihre Produkte ausstellen.

An der Straße liegt Müll, die Gebäude sind zum Teil heruntergekommen. In einer dunklen Markthalle wird Obst verkauft. Ein Verkäufer schenkt uns ein fröhliches Lächeln, dennoch könnten die Unterschiede zwischen diesem Ort und dem 50 Meter entfernten Neighbourgoods Market kaum größer sein.

 

Dennoch zieht Woodstock zunehmend neue Bewohner aus wohlhabenden Milieus an. Investoren kaufen alter Häuser und sanieren sie, wodurch Kauf- und Mietpreise in den letzten Jahren enorm gestiegen sind. Das Viertel wird gentrifiziert.

 

Gentrifzierung – weltweit ein Schlagwort, wenn es um zukünftige Stadtentwicklung geht.

Gerade alte, häufig heruntergekommene Viertel in Zentrumsnähe werden gerne von Studenten und Künstlern wegen des günstigen Wohnraums und der ursprünglichen, unverbrauchten Atmosphäre in Anspruch genommen. Sie werten das Viertel nach und nach durch ihren Einfluss auf, was wiederum Investoren auf den Wohnraum aufmerksam macht. Diese sanieren Wohnungen zu hohen Preisen, so dass die ursprüngliche Bevölkerung die Mieten häufig nicht mehr bezahlen kann und wegziehen muss. Nach und nach verlieren viele Stadtteile so ihren ursprünglichen Charme und der innerstädtische Wohnraum wird immer teurer.

Dieses Problem lässt sich in Großstädten weltweit beobachten. Beispiele in Deutschland sind beispielsweise Berlin-Kreuzberg oder Köln-Ehrenfeld.
Doch was bedeutet Gentrifizierung in einem Land wie Südafrika, wo viele der ursprünglichen Bewohner wirklich arm sind? Und ist Gentrifzierung immer ein Problem oder bietet der Prozess auch Chancen?

 

Nicht nur in Woodstock, auch in anderen Vierteln in Kapstadt lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. Das Bo-Kaap und die Waterkant sind nur zwei Beispiele, in denen sich zumindest Tendenzen nachweisen lassen.

 

Woodstock ist jedoch aktuell das Viertel, in dem die Kontraste am stärksten sichtbar sind. Und hier wird auch klar, dass Gentrifizierung auch Chancen bieten kann, die in Kapstadt leider bisher kaum genutzt werden.

Woodstock hat, wie bereits erwähnt, den großen Vorteil seiner multikulturellen Bevölkerung, die sich hier fest etablieren konnte. Doch dieses Milieu ist akut bedroht. Und ein Wegzug bedeutet für die lokale Bevölkerung noch größere Probleme als in anderen Ländern. Häufig bleibt den armen Bevölkerungsschichten im Rahmen der Gentrifizierung nichts anderes übrig, als in dezentrale Gegenden zu ziehen. Das bedeutet aber im schlimmsten Fall, dass sie ihren Berufen in Stadtnähe nicht mehr nachkommen können, was wiederum eine erneute Verschlechterung ihrer Situation bedeutet. Und auch wenn sie die Möglichkeit haben, zur Arbeit zu pendeln, wird sich ihre Lebenssituation im Schnitt nicht verbessern, denn selbst Wohnungen in schlechten, außerstädtischen Lagen können für die arme Bevölkerung zu teuer sein.

Und natürlich würde ein Wegzug der ursprünglichen Bevölkerung die besondere Stellung Woodstocks nach und nach zersetzen. Das Viertel würde sicherer und wohlhabender werden, doch die multikulturelle Prägung ginge verloren.

 

Gibt es einen Weg, die Vorteile eines verbesserten Investitionsklimas für alle zugleich verfügbar zu machen? Bisher sind die Investitionen wenig inklusiv und schaffen Parallelwelten, die nur für die wohlhabenden Bevölkerungsschichten Vorteile ermöglichen.

Woodstock befindet sich an einem Scheideweg und für die richtige Wegfindung müssen verschiedene Akteure tätig werden.

 

Einerseits muss der Staat Regulierungen für Mietpreise und Wohnungsinvestitionen etablieren, die auch den finanziell weniger starken Bewohnern eines Viertels weiterhin ein erschwingliches Wohnen ermöglichen. Dennoch dürfen Investoren nicht abgeschreckt werden, denn sie bringen das Geld in die Viertel, dass an vielen Stellen benötigt wird. Ein Mittelweg zwischen Miet- und Eigentumswohnungen muss gefunden werden. Auch wenn die südafrikanische Regierung verschiedene Maßnahmen getroffen hat, um diesem Problem zu begegnen,  sind diese bisher wenig effektiv. Das Problem, dass es kaum günstige Mietwohnungen in Stadtnähe gibt, besteht weiter, Insgesamt scheint der Staat hier im Vergleich zu Eigentumswohnungen eher desinteressiert, effektive Fördermaßnahmen zu treffen.

 

Bevor hier mehr geschehen kann, bedarf es auch von Bevölkerungsseite einer größeren Aufmerksamkeit für das Thema. Es ist völlig legitim, die bunte Vielfalt in Woodstock zu genießen. Aber viele Menschen verschließen die Augen vor den Problemen vor Ort. Es wäre notwendig, dass sowohl neue Bewohner als auch Besucher von Woodstock und anderen Vierteln die Notwendigkeit von inklusiven Maßnahmen erkennen und fordern, um die Integrität des Viertels zu erhalten.

 

Nur so kann der ursprüngliche multikulturelle und bunte Charme des Viertels erhalten werden und allen Bewohnern die Möglichkeit zum bezahlbaren Wohnen gegeben werden.

Wenn hier nicht an den richtigen Stellen angesetzt wird, schafft die Gentrifizierung nach und nach das, was die Apartheid vor Ort nicht erreicht hat: Die Ausgrenzung sozialer Gruppen aus dem Leben in der Stadt.

 

Die Chancen, die sich durch die Investitionen bieten, wurden bisher in keinem Viertel ausreichend genutzt. Es bleibt zu hoffen, dass Regierung und Öffentlichkeit die Notwendigkeit für Veränderungen erkennen und Maßnahmen ergreifen. Denn nicht mehr und nicht weniger als die Vielfalt Kapstadts steht auf dem Spiel.

Leider stehen die Chancen zur Zeit schlecht für Verbesserungen, das Problem besteht seit Jahren unveränderter Form.